Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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GIPSY QUEEN
Spielfilm, AT/DE 2019, Farbe, 112 min., OmdU
Diagonale 2020

Regie, Buch: Hüseyin Tabak
Darsteller/innen: Alina Șerban, Tobias Moretti, Irina Kurbanova, Catrin Striebeck, Aleksandar Jovanovic
Kamera: Lukas Gnaiger
Schnitt: Christoph Loidl
Originalton: Maj-Linn Preiß
Musik: Judit Varga
Sounddesign: Dominik Schleier
Szenenbild: Julia Oberndorfinger, Attila Plangger
Kostüm: Katrin Aschendorf
Produzent/innen: Danny Krausz
Produktion: Dor Film

 

Diagonale’20 – Die Unvollendete. Die Diagonale’20 wurde aufgrund der behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 abgesagt.

Die alleinerziehende Romni Ali – einstige Profiboxerin – kämpft in Hamburg mit Gelegenheitsjobs ums Überleben und für ihre beiden Kinder. Als sie in der Kiezkneipe „Ritze“ anheuert, erkennt der abgehalfterte Boxer Tanne ihr Talent und beschert ihr ein Comeback, für das die junge Mutter einen hohen Preis zahlen muss. GIPSY QUEEN ist eine Hommage auf die Geschichte des Boxerfilms und eine couragierte Milieustudie mit einer mutigen Frauenfigur, wie man sie selten im Kino sieht.

Sie schwebt wie ein Schmetterling und sticht wie eine Biene: die „Gipsy Queen“. So wird die junge Romni-Boxerin Ali von ihrer Community genannt. Ihr Vater trainiert sie, er will aus seiner Tochter eine Kämpferin machen, die sich selbst aus der Armut in Rumänien befreit. Ali soll ihre Bestimmung nicht in der Ehe finden, sondern im Boxring. Dort ist sie stark und kämpft ihr eigenes Spiel um Anerkennung und Autonomie, während sie im Leben häufig ein Mensch zweiter Klasse bleibt. In kurzen, emotionalen Erinnerungsfragmenten beschwört Hüseyin Tabaks Film immer wieder Alis vielversprechende Vergangenheit herauf. Umso schmerzhafter und drastischer erscheint die Realität viele Jahre später, als die filmische Handlung des Dramas einsetzt: Ihren harten Überlebenskampf führt Ali nun alleinerziehend mit zwei kleinen Kindern in Deutschland fort. Vom Partner verlassen und vom Vater verstoßen, versucht sie in Hamburg ihr Glück. Dort setzen ihr Alltagsrassismus und ausbeuterische Arbeitsbedingungen zu, und als die junge Mutter auch noch ihren Job als Putzkraft in einem Hotel verliert, steckt sie bereits mitten in der teuflischen Spirale des sozialen Abstiegs.
Mit großem Einfühlungsvermögen schildert Tabak den Wendepunkt in Alis Leben: Um ein paar Euro dazuzuverdienen, fängt sie an, in der stadtbekannten Kiezkneipe „Ritze“ zu arbeiten, in deren Keller der abgehalfterte Boxer und „Ritzen“-Besitzer Tanne (Tobias Moretti) Schaukämpfe veranstaltet. Als Ali eines Abends ihren Frust an einem Boxsack ablässt, erkennt Tanne ihr Talent und macht sie zu seinem neuen Star im Ring. Der Preis, den die junge Mutter für ihr Comeback zahlen muss, ist allerdings hoch. Doch die Zuschauer/innen wissen zu diesem Zeitpunkt bereits, dass der Kampf der Mutter um ihre Kinder ein brutaler ist, der schon lange vorher begonnen hat und auch niemals zu Ende sein wird. Tabak erschafft eine an die Biografie der eigenen Mutter angelehnte mutige, starke Frauenfigur, wie man sie selten im Kino sieht: eine stolze Kämpferin, die der kurdisch-deutsche Regisseur unkontrolliert aggressiv und mit blutiger Visage inszeniert. Grandios spielt Alina Șerban den weiblichen Underdog mit Rocky-Pathos, von der der versoffene Vokuhila-Kiezbruder Tanne behauptet, sie habe die Straße im Blut. GIPSY QUEEN ist eine Hommage auf die Geschichte des Boxerfilms und eine couragierte Milieustudie, in der eine mutige Frau stellvertretend für viele andere in den Ring steigt, um für Chancengleichheit und gegen patriarchale Strukturen aufzubegehren.
(Katalogtext, ast)