Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Out
Dokumentarfilm, US 1957, Schwarzweiß, 26 min., eOF
Diagonale 2020

Regie: Lionel Rogosin
Buch: John Hersey
Kamera: Gerald Gregoire, Lionel Rogosin
Schnitt: Alexander Hammid
Weitere Credits: Produktionsaufsicht: Thorold Dickinson
Produktion: United Nations Film Board
Koproduktion: Office of Public Information

 

Drei dokumentarisch inspirierte Arbeiten, die das Leben auf der Flucht und als Displaced Person im Lager auf sehr unterschiedliche Art und Weise beleuchten: einmal ein unbearbeitetes Dokument des US Army Signal Corps vom April 1945, dann ein Kurzfilm im Auftrag der Vereinten Nationen über die Ungarnkrise 1956 und das Flüchtlingslager Traiskirchen und schließlich ein Rückblick des großen Avantgardefilmers Jonas Mekas auf seine Jahre als Displaced Person in Deutschland.

Dieser Film wäre bei der Diagonale'20 im Kurzfilmprogramm „Displaced Persons“ im historischen Special Displaced Persons zu sehen gewesen.

Zum Auftakt: ein kurzer Film aus dem United States Holocaust Memorial Museum, aufgenommen noch vor Kriegsende im April 1945 im DP-Camp im deutschen Menden. Gezeigt wird der Alltag im Lager, die Essensausgabe (8.00 bis 10.00 Uhr und 16.30 bis 18.30 Uhr), die medizinische Untersuchung ausgemergelter Männer, junge Frauen, die mit DDT entlaust werden, Rot-Kreuz-Mitarbeiter/innen und Szenen von heiteren Situationen, etwa beim Fußballspielen. Ein außergewöhnliches Dokument.
Der aus Litauen gebürtige Jonas Mekas blickt in Reminiszenzen aus Deutschland zurück auf seine eigene Geschichte, das Leben als Displaced Person, das er und sein Bruder Adolfas führten. 1944 müssen sie ihr Heimatland verlassen. Bis zu diesem Zeitpunkt war Jonas als Redakteur tätig gewesen, hatte sich im Widerstand gegen die deutschen Besatzer engagiert und eine Untergrundzeitung herausgegeben. Als die Nazis die Familie bedrohen, versuchen Adolfas und er, sich nach Wien abzusetzen. Die geplante Flucht misslingt, die Brüder werden festgenommen und nach Hamburg-Elmshorn in ein Zwangsarbeitslager verbracht. Nach acht Monaten brechen sie aus, verstecken sich auf einem Bauernhof an der dänischen Grenze und finden nach Kriegsende in verschiedenen Flüchtlingslagern, u. a. in Kassel, Aufnahme.
Im Oktober 1949 emigrieren sie nach New York. Einer der Auslöser dafür, behauptete Mekas später, dass er zum Filmemachen kam, sei Fred Zinnemanns The Search (1947/48) gewesen. „Ich und mein Bruder sahen den Film, und wir haben uns sehr darüber aufgeregt, wie wenig er von der wirklichen Situation widerspiegelte, davon, was es heißt, displaced zu sein. Das war der Moment, als wir beschlossen haben, unsere eigenen Filme zu machen.“ Für Reminiszenzen aus Deutschland hat Mekas die Orte von damals wieder aufgesucht und gefilmt. Die dabei entstandenen Bilder unterlegt er mit Auszügen aus seinen Tagebüchern, philosophischen Überlegungen und Zitaten aus Werken des deutschen Trümmerliteraten Wolfgang Borchert.
Out wurde 1956 in einem Lager in Traiskirchen aufgenommen. „Man sagte mir“, so Thorold Dickinson, der Leiter des UN-Film-Departments, „‚Der Ungarnaufstand ist jetzt in allen Zeitungen, aber in ein paar Wochen wird die Geschichte tot sein. Und dann muss der Film herauskommen, um die Geschichte am Leben zu erhalten.‘ Von dem Moment, als ich den Auftrag für den Film erhielt, bis zu dem Augenblick, an dem er auf der Leinwand zu sehen war, vergingen keine 35 Tage.“
Menschen zu Fuß, nur mit dem Nötigsten am Leib, ohne Gepäck, bahnen sich müde und erschöpft ihren Weg durch Gestrüpp; die Jungen stützen die Alten, die Eltern tragen die Kinder, eine schier endlose Kolonne verzweifelter Flüchtlinge. Der Ungarnaufstand, die Rebellion der demokratisch Gesinnten gegen das Sowjetregime, war wenige Tage zuvor gescheitert, die Volksrepublik in Budapest war gestürzt, die Okkupation begonnen worden. Hunderte hatten in der Hauptstadt den Tod gefunden, Tausende sind auf der Flucht. Sie schlagen sich ins benachbarte Österreich durch, marschieren tagelang, um hinter der Grenze sicheren Boden zu erreichen. Eine Welle der Hilfsbereitschaft schlägt ihnen entgegen: Helfer/innen warten am mit rot-weiß-roten Fahnen markierten Grenzverlauf, entzünden des nachts Feuer, lassen Rettungsboote zu Wasser, kümmern sich um den Weitertransport, sammeln Geld, Kleidung, Schuhe, Nahrungsmittel, bieten Notquartiere. In eines davon, das Auffanglager bei Traiskirchen, begleiten wir Maria, eine Frau mit zwei kleinen Kindern.
(Katalogtext, Brigitte Mayr, Michael Omasta)

Kurzfilmprogramm „Displaced Persons“
Displaced Persons (R: United States Army Signal Corps, US 1945)
Reminiszenzen aus Deutschland (R: Jonas Mekas, DE 1971/93)
Out (R: Lionel Rogosin, US 1957)