Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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The Search
Spielfilm, US/CH 1948, Schwarzweiß, 105 min., OmdU
Diagonale 2020

Regie: Fred Zinnemann
Buch: Richard Schweizer, David Wechsler
Darsteller/innen: Montgomery Clift, Ivan Jandl, Aline MacMahon, Jarmila Novotna, Wendell Corey und das Personal der UNRRA
Kamera: Emil Berna
Schnitt: Hermann Haller
Originalton: Paul Wartmann
Musik: Robert Blum
Kostüm: Robert Gamma
Produzent/innen: Lazar Wechsler
Produktion: Praesens Film (CH)
Koproduktion: AG Zürich (CH), MGM (US)

 

The Search erzählt die Geschichte eines im besetzten Deutschland stationierten Soldaten, der sich mit einem verlorenen gegangenen stummen tschechischen Jungen anfreundet, nach und nach dessen Vertrauen gewinnt und ihm beibringt, wieder zu sprechen. Zum Schluss trifft der Junge seine Mutter wieder. Erschütterndes Filmmaterial echter Kriegswaisen in UNRRA-Lagern ergänzt die fiktionale Geschichte, die an Originalschauplätzen in den Ruinen Nachkriegsdeutschlands gedreht wurde. Zinnemann nutzte einige dieser Kinder als Statist/innen, weil „sie allein das Gefühl des animalischen Terrors verstehen und abbilden konnten“.

The Search beginnt in einem Transitlager der UNRRA, in dem Kinder verschiedenster Nationalität und Herkunft nach ihrer Befreiung aus Konzentrationslagern betreut werden. Unter ihnen auch Karel, der aber nicht identifiziert werden kann. Denn er ist seit dem Tag, an dem er mit Gewalt von seiner Mutter getrennt wurde, verstummt. Gemeinsam mit Raoul, einem französischen Buben, flieht er eines Tages aus dem Flüchtlingslager. Raoul kommt dabei ums Leben, Karel versteckt sich in den Ruinen der Stadt. Ein amerikanischer Soldat nimmt sich seiner an und versucht alles, ihn von seiner Angst zu befreien und wieder zum Sprechen zu bringen. Da es keinerlei Spur von Karels Mutter oder anderen Verwandten gibt, plant der junge GI, ihn in seine Heimat mitzunehmen.
Angeregt wurde der Film von Leopold Lindtberg, dem Regisseur des Flüchtlingsdramas Die letzte Chance (1945), und vom Buch „Europe’s Children“ von Thérèse Bonney. Der amerikanischen Fotografin war es gelungen, erschütternde Dokumente über das Schicksal von Kindern, die Heimat und Familie verloren hatten, zusammenzutragen. Eine der dramatischsten Szenen von The Search ist eine – so im Drehbuch nicht vorgesehene – Episode, in der sich Kinder weigern, in die Busse des Roten Kreuzes einzusteigen, weil sie diese an die „Ambulanzen“ erinnern, in denen die Nazis einst Menschen beim Transport vergasten.
Fred Zinnemann, der in Wien aufgewachsene und ab 1936 in Hollywood tätige Regisseur, kehrte für die Dreharbeiten erstmals wieder nach Europa zurück. The Search ist der erste internationale Spielfilm, der im besetzten Deutschland entstand. Er trägt den Stempel des Authentischen, die Außenaufnahmen wurden in Nürnberg, München, Frankfurt am Main und Würzburg gedreht. Schon im Vorfeld besuchte Zinnemann an die zwanzig UNRRA-Lager, in denen er sich mit den Schauplätzen und der Atmosphäre vertraut machte und nach geeigneten Darsteller/innen suchte; die Kinder im Film gehören 15 verschiedenen Nationen an, den kleinen „Karel“ entdeckte er schließlich in Ivan Jandl aus Prag. „In den Blicken dieser Waisen – einige wurden wirklich aus Auschwitz gerettet – finden sich Spuren eines Traumas, die kein Drehbuch wegradieren kann“, so der Filmhistoriker Hervé Dumont.
Tatsächlich verlief die Entstehung des Films alles andere als harmonisch. Peter Viertel, der mit Zinnemann zunächst am Drehbuch arbeitete, zog seinen Namen zurück, als er die im Auftrag des Schweizer Produzenten Lazar Wechsler bereinigte Skriptfassung zu lesen bekam. Sämtliche direkten Anspielungen auf die Shoah waren getilgt, aus Karels jüdischer Familie wurden tschechische Intellektuelle, die eine nicht näher bezeichnete Geheimpolizei verhaftet. Auch die Dialoge lassen zu wünschen übrig. Montgomery Clift, der Darsteller des GI Steve, schrieb die meisten um und brachte außerdem selbst einige der stärksten Ideen ein: etwa den Moment, in dem er Karel sein Sandwich zuwirft, oder wenn er dem Buben, den er Jim nennt, sein erstes englisches Wort beibringt – mother. Zuallerletzt jedoch pfropfte Wechsler dem Film einen Off-Kommentar auf, der The Search einiges von seiner dokumentarischen Schärfe nahm. Gleichwohl traf der Produzent damit den Publikumsgeschmack: Ivan Jandl erhielt einen Spezial-Oscar als bester Kinderdarsteller, und lange Zeit galt The Search als der Schweizer Film mit den meisten internationalen Auszeichnungen überhaupt.
(Katalogtext, Michael Omasta, Brigitte Mayr)