| Filmgeschichte | Neue Unsicherheiten – Österreichischer Dokumentarfilm in den 90er Jahren |
Traditionellerweise auch ein Ort der Neu- und Wiederentdeckungen, nicht nur, was die Wettbewerbsfilme betrifft, bietet die Diagonale zur kommenden Ausgabe in der Sektion Filmgeschichte erneut zwei filmhistorische Specials, die mittels des Blickes auf die Vergangenheit auch Rückschlüsse auf die österreichische Gegenwart erlauben.
Die Diagonale freut sich, das erste der beiden Programme samt einiger bereits fixierter Filme ankündigen zu dürfen: Unter dem Titel Neue Unsicherheiten – Österreichischer Dokumentarfilm in den 90er Jahren begibt sich das Festival in sieben Programmen auf eine Spurensuche im heimischen Dokumentarfilmschaffen vor 30 Jahren.

Postadresse: 2604 Schlöglmühl von Egon Humer © Prisma Film
„’Neue Unsicherheiten’ blickt auf die 1990er Jahre in Österreich: Aufbruch und Ernüchterung nach dem Zerfall des Ostblocks verbinden sich mit politischen und wirtschaftlichen Krisen, die bis heute prägend bleiben. Der Dokumentarfilm dieser Zeit verzeichnet diese Entwicklungen und hinterfragt sie. Bestimmt wird er dabei von einer neuen repräsentationskritischen Formenvielfalt.“ — Dominik Kamalzadeh & Claudia Slanar
Das Special zeigt auf, wie das österreichische Kino die unterschiedlichen Entwicklungen von damals verarbeitet hat – vom bereits erwähnten Zerfall des Ostblocks über den Jugoslawienkrieg mit Flucht und Migration, das endgültige Ende der Kreisky-Ära und der Aufstieg von Jörg Haider bis hin zu neuen Formen der Erinnerungskultur und Veränderungen in der Jugendkultur. Hier eine Auswahl der Filme:
In Postadresse: 2640 Schlöglmühl (1990) untersucht Egon Humer die moralischen, politischen und emotionalen Konsequenzen acht Jahre nach der Schließung einer Papierfabrik, die als einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region galt. Zwischen verfallenden Gebäuden, verlassenen Werkshallen und den Stimmen der Betroffenen entsteht eine der bemerkenswertesten sozialen Studien der heimischen Kinogeschichte, in der Ohnmacht und Vergessen gleichermaßen spürbar werden. Gerhard Benedikt Friedl verbindet in seinem wegweisenden Kurzfilm Knittelfeld – Stadt ohne Geschichte (1997) den Wandel einer ganzen Stadt mit dem Schicksal einer Familie. Anfang der 1990er Jahre verändern Einkaufszentren und Handelsniederlassungen das Bild der steirischen Kleinstadt grundlegend, während sich gleichzeitig Gewalt und Verbrechen in einer familiären Tragödie entfalten. Margareta Heinrich und Eduard Erne öffneten mit Totschweigen (1994) das düstere Kapitel Rechnitz 1945: Auf einem Acker wurden rund 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter Opfer eines Massenmordes. Ihre Gräber sucht man bis heute. Vier Jahrzehnte nach Kriegsende, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, werden Erinnerungslücken, das Schweigen und die widersprüchlichen Zeugnisse der Bewohner:innen dokumentiert.
Nikolaus Geyrhalter begleitet in der intimen Langzeitbeobachtung Das Jahr nach Dayton (1997) eine Handvoll Menschen beim Wiederaufbau ihres Lebens nach dem Ende des Bosnienkriegs: Exhumierungen von Massengräbern, zerstörte Häuser und das alltägliche Ringen um Normalität offenbaren, dass nach einer Katastrophe keine Fragen mehr bleiben, sondern nur Antworten – unvollständig, brüchig und menschlich. Ebenso eindrücklich porträtiert Barbara Albert vier junge Menschen, die den Krieg in Sarajevo überlebt haben, in Somewhere Else (1997) – vier Monate nach Kriegsende beschreiben sie die Gefühle bei der Belagerung der Stadt und die Versuche, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht zu verlieren. Draga Ljiljana (2000) von Nina Kusturica entwickelt sich von der berührenden Suche nach ihrer Jugendfreundin Ljiljana weiter zu einer persönlichen – nach der eigenen Kindheit, der Vergangenheit und einer durch den Krieg zerstörten Heimat.
Rainer Frimmel schließlich dokumentiert in seinem Debüt Aufzeichnungen aus dem Tiefparterre (2000) das Leben des Wiener Lkw-Fahrers Peter Haindl von 1993 bis 1999. Haindl reflektiert, lamentiert und politisiert vor der Kamera, zwischen narzisstischen Posen und zerknirschten Selbstanalysen. Frimmels Montage eröffnet ein vielschichtiges Porträt der österreichischen Seele, in der Alltägliches, Ressentiment und Selbstironie aufeinanderprallen.
Das Programm wurde von Claudia Slanar und Dominik Kamalzadeh kuratiert. Die Diagonale dankt dem Filmarchiv Austria, dem ORF-Archiv und dem Österreichischen Filmmuseum für die Unterstützung.