Diagonale
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Diagonale
Festival des österreichischen Films
18. – 23. März 2026, Graz

 


Zum Filmprogramm erscheint der dritte Band der Reihe Diagonale Edition Neue Unsicherheiten im Czernin Verlag mit Beiträgen von Christa Blümlinger, Marko Dinić, Silvia Hallensleben, Magdalena Miedl, Bert Rebhandl und Andreas Ungerböck.

Erhältlich um € 12 bei der Festivalkassa im Kunsthaus, im Buchhandel sowie online unter → czernin-verlag.at
(128 Seiten | ISBN: 978-3-7076-0904-2).


Die Filme:

Aufzeichnungen aus dem Tiefparterre
Rainer Frimmel
AT 2000, 91 min

Berlino
Valeska Grisebach
DE/AT 1999, 35mm, 25 min

Draga Ljiljana – Liebe Ljiljana
Nina Kusturica
AT 2000, 30 min

Höhenrausch
Siegfried A. Fruhauf
AT 1999, 4 min

Das Jahr nach Dayton
Nikolas Geyrhalter
AT 1997, 204 min

Knittelfeld – Stadt ohne Geschichte
Gerhard Benedikt Friedl
AT/DE 1997, 35 min

Postadresse: 2640 Schlöglmühl
Egon Humer
AT 1990, 16mm, 85 min

Somewhere Else
Barbara Albert
AT 1997, 60 min

Tito-Material
Elke Groen
AT 1998, 5 min

Totschweigen
M. Heinrich, E. Erne
AT/DE/NL 1994, 89 min

Vorwärts
Susanne Freund
AT 1995, 35mm, 82 min

| Filmgeschichte | Neue Unsicherheiten |

Österreichischer Dokumentarfilm
in den 90er Jahren

Frau sitzt und raucht

Postadresse: 2604 Schlöglmühl von Egon Humer © Prisma Film

Die Neunzigerjahre lassen sich als historische Übergangsphase verstehen: Politische, soziale und kulturelle Ordnungen werden neu justiert. Der Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung, die globale Etablierung neoliberaler Wirtschafts- und Regierungsformen sowie die beginnende Digitalisierung erzeugen eine Situation grundlegender Verunsicherung. Lang wirksame Zukunftsentwürfe verlieren ihre Geltung, während neue Formen der politischen Artikulation und der kulturellen Repräsentation entstehen. In diesem Sinne verstehen wir die Neunzigerjahre als Zeitraum, in dem Geschichte auch im Kino neu begriffen werden kann: als Moment, in dem das Verhältnis von Erfahrung, Erinnerung und Darstellung selbst zum Gegenstand einer kritischen Auseinandersetzung wird.

In Österreich überlagern sich die geopolitischen Verschiebungen mit spezifischen innenpolitischen und sozialen Umbrüchen. Ein bereits seit den Siebzigerjahren absehbarer Strukturwandel in der Industrie stellt die traditionellen Organisationsformen der Arbeiter:innenbewegung zunehmend infrage. Während die sozialdemokratische Wirtschaftspolitik der Kreisky-Ära diese Entwicklung noch temporär abfedern kann, verschärft sich in den Achtzigerjahren die Situation mit dem Verlust der absoluten Mehrheit der SPÖ und dem gleichzeitigen Aufstieg der FPÖ. Ähnlich wie bei internationalen Vorbildern wie New Labour weichen klassenpolitische Erzählungen solchen von Individualisierung, Leistung und sozialem Aufstieg.

Parallel dazu ist Österreich auch von den Folgen der Umbrüche in Osteuropa unmittelbar betroffen. Der Zerfall Jugoslawiens und der Krieg in Bosnien führen zu Migrationsbewegungen, auf die die Politik mit Populismus und Xenophobie reagiert. Vor diesem Hintergrund verschieben sich auch historische Begrifflichkeiten: Erinnerung wird nicht mehr als verlässlicher Kompass verstanden, sondern als etwas, das aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder neu erzählt wird. Archive erscheinen nicht länger als neutrale Orte der Aufbewahrung, sondern als Ordnungssysteme mit blinden Flecken; Geschichte als Erzählung, die performativ hervorgebracht wird. Fragen nach Zugehörigkeit, nach Differenz und nach widersprüchlichen Identitäten treten in den Vordergrund.

Diese Verschiebungen finden auch im österreichischen Kino der Neunzigerjahre ihren Widerhall. Eine neue Generation von Filmemacher:innen beginnt etablierte Erzähl- und Darstellungsformen zu hinterfragen. Für das diesjährige historische Programm wurden elf Filme ausgewählt, die diesen Verwerfungen mit formaler Raffinesse nachgehen – sie dokumentieren sie, reflektieren sie oder machen sie überhaupt erst sichtbar. Mit zwei Ausnahmen handelt es sich um Dokumentarfilme, deren Vielfalt auf eine zentrale Entwicklung verweist: Die Grenzen des Dokumentarischen werden porös, die Frage danach, was als dokumentarische Darstellung gelten kann, wird selbst zum Gegenstand ästhetischer Auseinandersetzung. Hybride Formen, essayistische Verfahren und subjektive Perspektiven ergänzen oder unterlaufen klassische Repräsentationsmuster.

Gerhard Benedikt Friedls Knittelfeld – Stadt ohne Geschichte (1997) ist hierfür paradigmatisch. Die gewaltvolle Genealogie einer Familie entfaltet sich fast ausschließlich auf der Tonspur, während die Kamera in ruhigen Totalen eine scheinbar unberührte Kleinstadt zeigt. Zwischen Bild und Erzählung entsteht eine Leerstelle, in der Geschichte als Abwesenheit erfahrbar wird. Auch Totschweigen (1994) von Margareta Heinrich und Eduard Erne verzichtet auf eine Rekonstruktion und richtet den Blick auf das Fortwirken des Schweigens rund um das Massaker von Rechnitz: auf Ausflüchte, Brüche, Strategien des Nichtsagens. Egon Humers Postadresse: 2640 Schlöglmühl (1990) dokumentiert die Schließung einer Papierfabrik und die biografischen Verwerfungen nach dem Verlust von Arbeit; in Aufzeichnungen aus dem Tiefparterre (2000, gedreht zwischen 1993 und 1999) radikalisiert Rainer Frimmel diese Perspektive in einer fragmentarischen, subjektiven Form, die jede Fortschrittserzählung verweigert.

Nikolaus Geyrhalters Das Jahr nach Dayton (1997) zeigt Bosnien nach dem Friedensabkommen in langen, unbewegten Einstellungen – eine Landschaft zwischen Wiederaufbau und Stillstand, in der die Erfahrung des Krieges nachwirkt. Draga Ljiljana – Liebe Ljiljana (2000) von Nina Kusturica verbindet autobiografische Reflexion mit der Suche nach einem verlorenen Ursprung. Die Bilder oszillieren zwischen Idylle und brüchiger Erinnerung; der Versuch, Krieg und Flucht zu verarbeiten, artikuliert sich auch im Gefühl von Ortlosigkeit.

In all diesen Filmen manifestiert sich eine zentrale Bewegung der Neunzigerjahre: Die kritischen Perspektiven zielen nicht auf neue Gewissheiten ab, sondern auf die Offenlegung der Bedingungen von Repräsentation. Sichtbarkeit und Auslassung, Erzählen und Verschweigen geraten in ein Spannungsfeld. Geschichte erscheint als umkämpftes Terrain, auf dem Erinnerung, Bedeutung und Macht immer wieder neu verhandelt werden.

Das historische Programm Neue Unsicherheiten nimmt die Themenkomplexe dieser und vieler weiterer Filme zum Ausgangspunkt. Sie versteht die Arbeiten als lebendige Dokumente, die im Abstand neue Bedeutungen freigeben – von gesellschaftlichen und sozialen Umbrüchen über Veränderungen in der Jugendkultur bis zur Betrachtung der Bildwelten des Jugoslawienkriegs. In ihnen wird sichtbar, was im Moment ihrer Entstehung noch unscheinbar war.

Kuratiert von Dominik Kamalzadeh und Claudia Slanar. Die Diagonale dankt dem Filmarchiv Austria, dem ORF-Archiv und dem Österreichischen Filmmuseum für die Unterstützung.

 


Ergänzend zur Sektion Filmgeschichte präsentiert filmfriend, der Streamingdienst der Bibliotheken, weitere österreichische Dokumentarfilme der 90er Jahre – darunter Arbeiten von Regisseur:innen wie Ruth Beckermann, Nikolaus Geyrhalter und  Michael Glawogger. Außerdem stehen über 40 Filme aus früheren Ausgaben der Diagonale zum Streamen bereit, u.a. Bürglkopf von Lisa Polster, ausgezeichnet als Bester Dokumentarfilm 2025. Alle Filme unter → filmfriend.at/collections/diagonale

 

 

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