Diagonale
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Festival des österreichischen Films
18. – 23. März 2026, Graz

Die Filme:

Peter, das Mädchen von der Tankstelle
Hermann Kosterlitz
AT/HU 1934, 88 min

Der Page vom Dalmasse-Hotel
Victor Janson
DE 1933, 35mm, 83min

Viktor und Viktoria
Reinhold Schünzel
DE 1933, 99 min

Alle Filme werden mit einer Einführung gezeigt.


 

| Filmgeschichte | Girls Will Be Boys |

GENDERFLUIDITÄT UND TRAVESTIE IM KINO DER ZWISCHENKRIEGSZEIT
Von Brigitte Mayr

Viktor und Viktoria von Reinhold Schünzel © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Wiesbaden

Viktor und Viktoria von Reinhold Schünzel © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Wiesbaden

Von einer Minute auf die andere müssen sie eine Entscheidung treffen. Sie legen Rock, Bluse, Hut ab, schlüpfen in Hemd, Hosenträger und Anzug, binden sich die Krawatte, schnüren festes Schuhwerk. Verbergen ihre Locken oder ihren Bubikopf, scheiteln ihr Haar streng zur Seite – mit dicker Pomade angepappt – und geben sich große Mühe, in Gestik und Mimik darzustellen, was die Gesellschaft von einem Mann erwartet. Genau jenes soziale Umfeld, das den drei jungen Frauen im Film keine Möglichkeit bietet, in Zeiten von Wirtschaftskrise und Erwerbslosigkeit eine Arbeit zu finden, die ihren Fähigkeiten entspricht.

Die eine, Friedel, spricht perfekt Englisch und Französisch, bewirbt sich in Büros und Betrieben, muss aber ständig Absagen hinnehmen – bis die vife Tochter ihrer Vermieterin sie auf die Idee bringt, sich mit der Uniform ihres Bruders für den ausgeschriebenen Posten als Page im Dalmasse-Hotel vorzustellen. Auch Eva, gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden, sieht nach dem Diebstahl ihrer Kleider keinen anderen Ausweg, um der drohenden Obdachlosigkeit zu entkommen, als ihr Dasein als Zeitungsjunge zu fristen. Später wird sie als ihr angeblicher Bruder Peter den Alltag in einer Automobilgarage durch ihre unkonventionelle Berufsauffassung ordentlich durcheinanderbringen. Nicht minder angestrengt kämpft die Sängerin und Schauspielerin Susanne um ein Engagement. Sie verköstigt sich aus Kostengründen im Automaten-Café und wird aufgrund einer ausgefuchsten Scharade, mit der sie zehn Mark Auftrittsgeld kassieren kann, auf der Bühne als singende und tanzende Spanierin vorgestellt. Im letzten Moment reißt sie sich die Perücke vom Kopf und demaskiert sich mit tiefer Stimme als Mann.

Selbstermächtigung im Frack: Rollentausch als Überlebensstrategie
Die maskuline Verkleidung ermöglicht den Frauen, die sonst kein Geld verdienen würden – außer durch Prostitution –, ihr Auskommen zu finden. In einem Akt der Selbstermächtigung werden sie zum Lausbub mit Sommersprossen, zum eleganten jungen Mann im Frack oder zum reizenden androgynen Pagen. Die kleinen „Kerle“ werden gerne unterschätzt – was sich rächt, denn in der Kostümierung stecken patente junge Frauen, die sehr wohl wissen, was sie wollen. Vordringlich ist das Ziel des Rollentauschs ja das Einkommen, die Sicherheit, sich selbst versorgen zu können – im Hintergrund der romantischen Komödien macht sich freilich stets der Love Interest bemerkbar, finden sich neben den „girls as boys“ doch meist gut aussehende, elegante Herren der Schöpfung mit allen Attributen, die frau sich nur wünschen kann.

Bis es aber dazu kommt, dass diese angehimmelten Traummänner auch endlich erkennen, was für tolle Charaktereigenschaften ihre weiblichen Gegenüber zu bieten haben, vergehen – wir sind in der filmischen Hochzeit des Weimarer Kinos – gut eineinhalb Stunden. Diese sind gefüllt mit herrlichem Slapstick rund um den Kleidertausch, das Aneignen von habituellen Unterschieden wie Haltung, Gang und Sprachgebrauch, das Erproben von Männlichkeitsritualen wie Bartrasur, Zigarrenrauchen oder Trinkexzesse.

In der Realität sind die Frauen in Männerrollen indes auch Ausdruck der wirtschaftlich schwierigen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Schon lange war die Verteilung in typisch männliche und weibliche Arbeitsplätze nicht mehr aufrechtzuerhalten, die Metiers schienen erobert, es gab Schaffnerinnen, Briefträgerinnen, Hilfspolizistinnen, Gastwirtinnen und Ladenbesitzerinnen, die ihre Geschäfte auch selbst führten. Die Sozialkritik in den drei gezeigten Filmen umfasst Wohnungsräumung, Hunger, Armut, das Thema „Suche Arbeit, mache alles!“, die Strapazen des Fußfassens am Theater und die hierarchischen Ordnungen, denen Mann und Frau im Beruf unterworfen sind.

Als Komödien setzen die Filme diese Motive gekonnt, trickreich und amüsant durch Täuschungen über die wahre Identität in Szene. Das ist einerseits den Drehbuchautor:innen, Ideengeber:innen und Regisseuren zu danken, wie dem in ironischer Distanz im Thema der sexuellen Ambivalenz erprobten Reinhold Schünzel, Hermann Kosterlitz – der für seine spätere Karriere in den USA als Henry Koster bereits im österreich-ungarischen Kino übte – und selbst dem etwas routinierten, aber im Unterhaltungsgenre durchaus bewährten Victor Janson.

Vor allem aber sind es die drei grandiosen Schauspielerinnen Dolly Haas, Franziska Gaál und Renate Müller, die diesen Erfolg tragen. Die Dreißigerjahre hätten jeder von ihnen eine große Karriere im deutschsprachigen Kino geboten, die Nazis aber machten diese Möglichkeit zunichte. Bei Renate Müller (1906–1937), einem der beliebtesten Stars dieser Zeit, zerstörten sie jegliche Reputation, verhängten Repressalien, die sie in Drogen- und Alkoholsucht trieben und letztendlich in den Tod. Dolly Haas (1910–1994), aufstrebendes Talent mit einnehmendem Wesen, war gezwungen zu emigrieren, erst nach England, dann in die USA, wo sie lediglich am Broadway, aber nicht im Filmgeschäft Fuß fassen konnte. Franziska Gaál (1903–1972), Spitzname „Fräulein Paprika“, die große Entdeckung und beste Protagonistin des „Unerwünschten Kinos“ in Österreich von 1934 bis 1937, in dem die aus Nazideutschland vertriebenen Filmschaffenden Zuflucht und Arbeitsmöglichkeiten fanden, konnte als Jüdin zwar ihrem Schicksal entkommen und wurde nach Hollywood engagiert, ihr Talent dort allerdings in B-Movies verschlissen. Sie starb verarmt und in völliger Vergessenheit in New York.

Das Kino aber schenkt uns unversehrt, wie in einer Glaskugel konserviert, diese drei großartigen Darstellerinnen, in keiner Weise gealtert. Offeriert sie in ihrem Überlebenskampf als moderne, autonome, schlaue Identifikationsfiguren (für uns) und lässt uns an ihrer überbordenden Freude am Leben teilhaben – egal ob als Mann oder Frau.

Ein Diagonale-Special, kuratiert von SYNEMA
Brigitte Mayr, Michael Omasta

 

Über die Autorin:
Brigitte Mayr, geboren in Linz. Studium Theaterwissenschaft und Germanistik an der Universität Wien, daneben Buchhandelslehre und Ausbildung zur wissenschaftlichen Antiquarin. Wissenschaftliche Leitung von SYNEMA – Gesellschaft für Film und Medien. (Co-)Konzeption von Symposien und Filmschauen, (Co-)Herausgeberin und Autorin.

 

 

 

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