Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Der schönste Platz auf Erden
Dokumentarfilm, AT 2020, Farbe, 87 min., 24.3. OmeU
Diagonale 2020

Regie, Buch, Kamera: Elke Groen
Schnitt: Stephan Bechinger
Originalton: David Almeido-Ribeiro, Hjalti Bager-Jonathansson, Andreas Hamza, Johannes Schmelzer-Ziringer
Produzent/innen: Arash T. Riahi, Sabine Gruber, Elke Groen
Produktion: Golden Girls Filmproduktion
Koproduktion: Groen.Film

 

Diagonale’20 – Die Unvollendete. Die Diagonale’20 wurde aufgrund der behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 abgesagt.

Der schönste Platz auf Erden ist eine Bank unter einem Baum. Ist ein Gasthof. Eine Diskothek. Dort, wo kein Krieg ist. Vielleicht ist es Österreich. Vielleicht Pinkafeld im Burgenland. Kaum sechstausend Menschen leben hier. Und es ist die Heimat von Norbert Hofer, der gleich zu Beginn von Elke Groens Porträt eines kleinstädtischen Mikrokosmos auf der Bildfläche erscheint. In Pinkafeld setzt man sich für seinen berühmtesten Bewohner als Bundespräsident ein, obwohl man sonst SPÖ wählt. Drei aufreibende Jahre stehen den Menschen bevor. Zwischen Gedankenaustausch im Wirtshaus, Perchtenlauf und Ibiza-Video hört Elke Groen den Pinkafelder/innen zu, diskutiert und zeichnet ein vielperspektivisches Bild des gesellschaftlichen Lebens abseits der großen Ballungsräume.

Der schönste Platz auf Erden ist eine Bank unter einem Baum. Ist ein Gasthof. Eine Diskothek. Dort, wo kein Krieg ist. Vielleicht ist es Österreich.
Im kleinen Pinkafeld im Burgenland stellt ein Journalist dem derzeit prominentesten Bewohner die Frage: „Is this the Austria that you want to preserve?“ Und der antwortet: „Yes, this should be the Austria I would like to preserve.“ Dabei hat es Pinkafeld im Jahr 2016, in dem Elke Groen ihren Film ansetzt, nicht leicht. Man beäugt die Stadtgemeinde skeptisch, aus der jener Norbert Hofer stammt, der in diesem Jahr reale Chancen hat, zum österreichischen Bundespräsidenten gewählt zu werden. Ein Blauer, ein Rechtspopulist, hinter dem siebzig Prozent der Pinkafelder/innen stehen, obwohl der Ort traditionell der SPÖ anvertraut ist. Eine Landwirtin erzählt, dass man es dieser Tage nicht gerade gut habe als FPÖ-Wählerin. Sofort werde man als Nazi abgestempelt.
In der Diskothek „Hallelujah“ sorgt man sich derweil um andere Probleme. Die Kundschaft bleibt in letzter Zeit öfters aus. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zurück bleibt ein Betreiber, der sich einerseits sorgt und gleichwohl gelassen in die Zukunft schaut, wenn er auf die Gesamtzusammenhänge blickt. Immerhin seien, seit sich der Hass in Österreich auf die Flüchtlinge konzentriere, die alten Ressentiments kein Thema mehr – für Sinti und Roma interessiere man sich nun weniger. Der Humor ist schwarz, aber ehrlich. Kurz nach der Ibiza-Affäre schallt „We’re going to Ibiza!“ von den Vengaboys durch den leeren Gastraum. Von all dem bekommt die syrische Familie, die sich seit zwei Jahren in Pinkafeld aufgehoben fühlt, nichts mit. Ihre Sicht auf den Mikrokosmos Pinkafeld ist von Dankbarkeit geprägt. Ein älterer Herr, der von sich behauptet, er wäre überall dort zu Hause, wo er gerade ist, wiederum artikuliert Ängste. Jenen Einwanderungsstatistiken, die die Regisseurin vorbringt, schenkt er wenig Glauben. Eine klare Sache von Fälschung, meint er. All diese Menschen lässt Elke Groen in Der schönste Platz auf Erden zu Wort kommen, hakt manchmal nach, lässt vieles unkommentiert. Ihre offenen Interviewsituationen treffen einen Nerv bei den politisch durchgerüttelten und sich gleichzeitig mit ihrer jeweiligen Lebensrealität auseinandersetzenden Pinkafelder/innen. In der Montage bringt der Film Leute zueinander, die ansonsten nur übereinander, kaum miteinander sprechen. Ihre Begegnung hätte sehr wohl etwas verändert, meint die Landwirtin gegen Ende des Films auf Groens Nachfrage hin. Der schönste Platz auf Erden ist stets ein individueller, die Fragen hingegen, die sich dort stellen, sind universell.
(Katalogtext, cw)