Diagonale
Festival des österreichischen Films
16.–21. März 2021, Graz

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DIESER FILM IST EIN GESCHENK
Dokumentarfilm, AT 2019, Farbe, 72 min., OmeU
Diagonale 2020

Regie, Buch: Anja Salomonowitz
Darsteller/innen: Daniel Spoerri, Oskar Salomonowitz, Federico Vecchi
Kamera: Martin Putz
Schnitt: Eleonora Camizzi, Petra Zöpnek
Originalton: Martin Putz
Musik: Bernhard Fleischmann
Sounddesign: Veronika Hlawatsch
Weitere Credits: Dramaturgie: Roland Zag
Mischung: Bernhard Maisch
Farbkorrektur: Bernhard Schlick
Grafik: PEACH Wien
Übersetzungen: Marisa Burkhardt, Pierre-Emmanuel Finzi, Yael Salomonowitz
Produzent/innen: Anja Salomonowitz
Produktion: Anja Salomonowitz

 

Diagonale’20 – Die Unvollendete. Die Diagonale’20 wurde aufgrund der behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 abgesagt.

Daniel Spoerri verschiebt auf einem schwarzen Untergrund Küchenutensilien. Bald soll hier ein Bild entstanden sein. Objektkunst, die der in Wien lebende Künstler mitbegründet und -geprägt hat. Anja Salomonowitz beobachtet ihn dabei und wähnt seinen Gedanken, doch „das hat er leider durchschaut“. Stattdessen schafft die Filmemacherin ein offenes Porträt, in dem Rollen getauscht werden und Dinge zum Leben erweckt, die vielleicht schon kurz gestorben waren.

DIESER FILM IST EIN GESCHENK ist ein fein kalkuliertes, hochinteressantes „work over the artist portrait“. In seinem Fortlauf wird Daniel Spoerri, der mit seinen in Bilderrahmen untergebrachten Objekten Kunstgeschichte geschrieben hat, mehr und mehr sichtbar. Dabei bedient sich Anja Salomonowitz dokumentarischer Mittel in erweiterter Form. Augenzwinkernd bricht sie mit dem heroischen Zugang konventioneller Künstler/innenporträts und lässt zärtlich und unvermittelt ihren Sohn Oskar als den Künstler sprechen. Salomonowitz’ Film bedient sich dieses Kunstgriffs, weil es eine Arbeit über den Kreislauf des Lebens ist. Und er lässt Spoerri diesen konstanten Zyklus referieren, in dem die Dinge vergehen und wiederauferstehen. Dabei wird der Film zur politischen Arbeit, wenn er vom Mord an Spoerris Vater im Holocaust erzählt. Wenn das Kind diese Worte spricht, prallt die Vergangenheit schockhaft auf die Gegenwart. Bruchstücke einer Existenz werden zusammengesetzt und neu geordnet. Und doch geht es über die Neuordnung hinaus: Was passiert mit einer dokumentarischen Geschichte, wenn sie von jemand anderem gesprochen wird? Unbewusste Inhalte werden mittransportiert und schwimmen durch die Ritzen des Bildes. Die, die man fühlt. Bis hin zum finalen Dialog mit Oskar, der sowohl zum zehnjährigen Spoerri mutiert (das Alter, in dem dieser 1940 beinahe den Nazis in die Hände gefallen wäre) als auch seine eigenen Gedanken zu den Assemblagen zum Besten gibt, an denen Spoerri heute mehrheitlich schafft. Dann entspinnt sich zwischen Mann und Kind beinahe so etwas wie ein Arbeitsgespräch, das im Befund des Künstlers mündet: „In deinem Kopf funktionieren ganz andere Dinge als bei mir.“
In der dramaturgischen Transparenz widerspiegelt sich die Zärtlichkeit, mit der die Filmemacherin auf Spoerri blickt: die vielen Kisten, in denen Dinge, vor allem Flohmarktfunde, thematisch sortiert liegen und auf Einsatz in einem seiner Werke warten; das Hantieren mit Kleber und Pinzette, um abgebrochene Puppenköpfe auf einer Fläche anzuordnen. Und dazwischen Erinnerungen an vergrabenen Schnee, den der junge Spoerri, der damals vielleicht noch Feinstein hieß, für das Frühjahr aufzubewahren gedachte und der dann doch verschwunden war, als er ihn ausbuddeln wollte – wohl weil ihn jemand gestohlen hatte.
Anja Salomonowitz baut ihr filmisches Geschenk (auch was es damit auf sich hat, soll nicht verborgen bleiben) ähnlich wie ein Hochrelief, wie die Bilder Spoerris welche sind. Mehrdimensionalität erreicht sie dabei vor allem durch das Spiel auf der Zeitachse. Es ist ein sanftes und gleichsam ernsthaftes Spiel, im Zuge dessen nicht nur Vergangenes und Gegenwärtiges die Rollen tauschen, sondern auch Lebendiges und Totes.
(Katalogtext, red)