Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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WE DID WHAT HAD TO BE DONE
Dokumentarfilm, AT 2018, Farbe, 90 min., eOmdU
Diagonale 2020

Regie: Ulrike Ertl, Friederike Berat
Kamera: Alison Miller, Friederike Berat
Schnitt: Friederike Berat
Originalton: Ulrike Ertl
Weitere Credits: Konzept: Friederike Berat, Ulrike Ertl
Produzent/innen: Gili Ben-Zvi, Nadine Coquemer, Friederike Lorenz, Frank Thiele, Greta Weiss, Friederike Berat, Ulrike Ertl

 

Diagonale’20 – Die Unvollendete. Die Diagonale’20 wurde aufgrund der behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 abgesagt.

Viele Irinnen werten ihre Partizipation am Nordirlandkonflikt, den Troubles, auch als emanzipatorisches Unterfangen. Teils losgelöst von den Männern bastelten sie Bomben, traten in Hungerstreik, schmuggelten Waffen und erhielten Haftstrafen. In Friederike Berats und Ulrike Ertls Interviewfilm, der sowohl probritische Unionistinnen als auch proirische Republikanerinnen anhört, wissen alle um die Kraft der kurzen, wenn auch krisenhaften Freiheit.

In wenigen Jahren sollen in Belfast keine peace walls mehr stehen, sogenannte Friedenslinien, die die ganze Stadt durchziehen, um erneute Gewalteskalationen zwischen probritischen Unionist/innen und proirischen Republikaner/innen zu verhindern. Friederike Berat und Ulrike Ertl haben Frauen auf beiden Seiten besucht und mit ihnen gesprochen. „There is not gonna be peace, because people can’t let go at all“, sagt gleich zu Anfang eine von ihnen. Tatsächlich reichen die Traumata des Konflikts, dessen Wurzeln bis ins frühe 17. Jahrhundert reichen, enorm tief. Insbesondere der letzte große Ausbruch der Krise, im Rahmen der zwischen 1968 und 1998 währenden Troubles, hat Spuren hinterlassen. Doch nicht nur schmerzvolle. Viele Frauen, die aktiv partizipierten, Schusswaffen schmuggelten, in Hungerstreik traten und sich mit anderen Frauen solidarisierten, berichten von einem riesigen Schub. Ein Schub, der in ihnen die Erkenntnis weckte: „We can do things here! We’re quite intelligent!“ Davon ist für manche heute nur eine Erinnerung geblieben. Als forgotten heroes sind viele Frauen Nordirlands an den heimischen Herd zurückgekehrt, widmen sich ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter. Ein Rückzug in die Langeweile und nicht selten auch in die häusliche Gewalt. Das Spektrum der Erzählungen, die Berat und Ertl in einem Zeitraum von beinahe zehn Jahren zusammengetragen haben, ist groß. Ehemalige IRA-Frauen und Anhängerinnen von Cumann na mBan, der irisch-republikanischen paramilitärischen Frauenorganisation, folgen auf solche, die von ihren Erfahrungen mit dem Orange Order berichten. Allen gemein ist ein gewisser Stolz, keine von ihnen möchte etwas von dem, was sie erlebt hat, ungeschehen machen. Dazu zählen auch Aufenthalte im Gefängnis. So begleiten die Regisseurinnen eine Gruppe von Frauen ins Armagh Prison, wo es zu regelrecht euphorischen Ausbrüchen kommt. Feixen und Johlen beim Betreten der ehemals bewohnten Zellen. Lachen beim Durchblättern vergilbter Zeitungsartikel. Die Vergangenheit war hart, aber auch schillernd. Die Aufnahmen von Belfast heute stimmen indes trübe: Ein Grau liegt über allem, lediglich die zahlreichen Wandbilder, die Ertl und Berat zusammengetragen haben, künden von einer anderen Zeit. Einer Zeit, die man nicht unbedingt wiederhaben möchte, aber die den Frauen doch Gelegenheit zur Entdeckung ihrer Potenziale bot. „I’m not here to bandage wounded soldiers; I’m here to fight for my country“, fasst eine ihr damaliges Gefühl zusammen. Man könnte ergänzen: „and for myself“.
(Katalogtext, cw)