Diagonale
Festival des österreichischen Films
16.–21. März 2021, Graz

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Geschwister
Spielfilm, DE/AT 2016, Farbe, 112 min., OmdU
Diagonale 2016

Regie, Buch: Markus Mörth
Darsteller/innen: Ada Condeescu, Abdulkadir Tuncer, Michael Kranz, Marc Filatov
Kamera: Sorin Dorian Dragoi
Schnitt: Julia Drack
Originalton: Marc Parisotto
Musik: Carlos Cipa
Sounddesign: Berthold Kröker
Szenenbild: Graziella Tomasi
Kostüm: Laura Fries, Carolin Schreck
Weitere Credits: Nebendarsteller (Fortsetzung): Ivan Shvedoff, Kathrin von Steinburg, Julia Jelinek, Matthias Ohner, Anghel Damian, Adem Karaduman, Angelika Fink, Isolde Barth uva.
Produzent/innen: Maximilian Plettau, Markus Mörth; Supervising Producer: Dieter Horres, Dieter Pochlatko
Produktion: Nominal Film (DE), Markus Mörth Film- und Medienproduktion
Koproduktion: ZDF/Das kleine Fernsehspiel (DE) und ARTE (DE)

 

Die 18-jährige Bebe und ihr jüngerer Bruder Mikhail sind gezwungen, Moldawien zu verlassen und auf eine unbestimmte Reise zu gehen – mit nichts als einem Sack Heimaterde und einem gemeinsamen Ziel vor Augen. Eine Flüchtlingsodyssee durch Europa beginnt. Ein normales Leben scheint immer noch fern, aber erreichbar – nur nicht für beide. (Produktionsnotiz)

Eine schlecht geschnittene Jeans in dubiosem Hellblau bis über den Nabel gezogen, dazu ein modisch nicht weniger fragwürdiges T-Shirt. So steht Bebe im Türrahmen des Minizimmers, das sie im „Asylantenheim“ mit ihrem Bruder Mikhail teilt. „So willst du rausgehen?“, murmelt der, doch etwas anderes wollte Bebe nicht hören: „Geschafft, jetzt sehe ich aus wie eine Deutsche!“ Es kann schon verwundern, wo sich Humor seinen Weg bahnt. Und auch in diesem Film – und gerade in solchen Momenten – berührt er ganz unvermittelt. Von „mehr als“ Flucht erzählen zu wollen, von mehr als den Strapazen, den Gefahren und den Hindernissen, mit denen auch die Geschwister Bebe und Mikhail in Markus Mörths erstem Langspielfilm konfrontiert sind, scheint ein unbegründetes Vorhaben. Die Erlebnisse, durch die die beiden Jugendlichen gehen müssen, sind schmerzvoll genug. Von Flashbacks durchsetzt, ganz so, wie die Erinnerungsfetzen auch Mikhails Bewusstsein infiltrieren, entwickelt sich hier eine Suche nach Normalität, die noch nicht einmal Glück behaupten will. „Glück bedeutet, wenn das am schlimmsten zu Befürchtende nicht eintritt“, formuliert es der Großvater der beiden an einer Stelle, und es ist diese latente Angst, die sich besonders in der Figur Mikhails zunehmend stärker manifestiert und allmählich zur Bedrohung für beide wird. Auf das Script, für das Mörth 2011 den Carl- Mayer-Förderungspreis erhielt, folgte zunächst ein Roman mit demselben Titel. Ähnlich episch ist nun auch sein Film angelegt, der einen großen Bogen spannt, von der Ausgangssituation der Geschwister über mehrere Zwischenstationen bis zur vorläufigen Ruhepause in einem betreuten Asylzentrum, in dem sie auf ihre Anerkennung durch die Behörden warten. In Deutschland angekommen sucht sich Bebe (außerordentlich: Ada Condeescu) rasch Arbeit, will sich anpassen, nicht auffallen, alles tun, damit die beiden bleiben können. Es sind gerade diese Beobachtungen über eine Parallelgesellschaft in der Arbeitswelt – Bebe arbeitet als Putzfrau –, die diesem Film erschreckende Nuancen geben. Vor allem ist es aber das Warten, wie in einem Limbus zwischen Auferstehung und Aberkennung, und das immer wiederkehrende Zu-Protokoll-geben-Müssen der eigenen Geschichte, aber auch einer nur vage denkbaren Zukunft, das diese jungen Leben prägt. Und eventuell zermürbt.
(Katalogtext, az)

markusmoerth.com, nominalfilm.com