Diagonale
Festival des österreichischen Films
5.–10. April 2022, Graz

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Die 727 Tage ohne Karamo
Dokumentarfilm, AT 2013, Farbe, 80 min., OmeU
Diagonale 2013

Regie, Buch: Anja Salomonowitz
Darsteller*innen: mit: Zora Bachmann, Osas Imafidon, Evelyn Barota, Mutono Barota, Samuel Barota, Johanna Bauer, Daniel Inyinbor u.a.
Kamera: Martin Putz
Schnitt: Petra Zöpnek
Originalton: Hjalti Bager-Jonathansson
Musik: Bernhard Fleischmann
Sounddesign: Veronika Hlawatsch
Szenenbild: Maria Gruber
Kostüm: Tanja Hausner
Produzent*innen: Alexander Dumreicher-Ivanceanu, Bady Minck
Produktion: AMOUR FOU Vienna GmbH

 

Ein inniger Kuss, über den Esstisch hinweg. Sie ist weiß, er schwarz. Es ist eines der wenigen Bilder vermeintlicher Liebesleichtigkeit im Film. Die 727 Tage ohne Karamo erzählt vom Wunsch der Zweisamkeit zwischen Österreicher/innen und Drittstaatsangehörigen sowie von dessen Verunmöglichung durch die österreichische Politik: 21 binationale Paare und ihr unermüdlicher Kampf gegen die Mühlen der Bürokratie – ein dokumentarischer Liebesfilm gegen das Gesetz.

Katalogtext Diagonale 2013:

Ein Liebespaar küsst sich innig über die Platte eines Esstisches hinweg. Sie ist weiß, er schwarz. Es ist eines der wenigen Bilder vermeintlicher Liebesleichtigkeit im Film – und selbst hier steht die Tischplatte als physische Barriere zwischen den Küssenden. „Immer wenn ich schlafen geh’, ist der Papa da, obwohl er nicht da ist“, sagt ein kleines Mädchen später zu ihrer Mama. Ihr Vater wurde vor nunmehr zwei Jahren aus Österreich abgeschoben. Die 727 Tage ohne Karamo erzählt gerade von dieser Nichtanwesenheit und ihren teils kafkaesk anmutenden rechtlichen Hintergründen.

21 binationale Paare kommen im Film zu Wort, Österreicher/innen und Drittstaatsangehörige. Sie berichten von ihrem Wunsch nach einem anerkannten Eheleben in Österreich und ihrer ständigen Konfrontation mit dem hiesigen Fremdengesetz: von Sprachkursen, Dokumentenzirkus und Paragrafenwirrwarr, aber auch von Liebe, Begehren und dem unermüdlichen Kampf gegen die Mühlen der Bürokratie. Anja Salomonowitz entwirft für die Darlegung der Schicksale eine eigene Erzählform und Bildsprache. Sie montiert klassische Talking Heads, Off-Kommentare und Szenen, in denen die Akteur/innen Alltag (nach-)spielen. Dokumentation ist immer auch Fiktion – und umgekehrt.

So sind es nicht 21 Einzelgeschichten, sondern Fragmente, die mosaikhaft ein Ganzes bilden und auch visuell zusammengehalten werden: Ob Küche, Kleidung oder Couchbezug, jeder Frame ist von einem gelblich-warmen Farbton durchzogen – möglicherweise ein Hinweis auf den unbedingten Optimismus, der die Protagonist/innen eint. Wie sagt ein eben im Magistrat abgewiesener Mann beim Skype-Interview zu seiner Frau: „Irgendwie wird das schon.“ Ein starkes politisches Statement. Ein Liebesfilm gegen das Gesetz. (red)

Ich wollte nicht, dass eine Person den ganzen Film trägt oder tragen muss, sondern dass der Film durch das Kollektiv eine andere Stärke und Kraft bekommt. Dass er wie ein Schneeball, der durch den Schnee rollt, mit jeder dazukommenden Person und Geschichte größer und stärker wird. Dass einen die Wucht der Masse erschrecken kann. Die Wucht der Auflagen und der zu erfüllenden Gesetze sowieso. Dass das nüchtern erzählt und schlicht aufgezählt wird, denn der behördliche Wahnsinn spricht für sich. Dass dieser Schneeball dann vielleicht eine Fensterscheibe einschlagen kann. (Anja Salomonowitz)