Diagonale
Festival des österreichischen Films
5.–10. April 2022, Graz

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Das Venedig Prinzip (OmeU)
Dokumentarfilm, DE/AT/IT 2012, Farbe, 82 min., OmeU
Diagonale 2013

Regie, Buch: Andreas Pichler
Kamera: Attila Boa
Schnitt: Florian Miosge
Originalton: Stefano Bernardi
Musik: Jan Tilman Schade
Sounddesign: Stefano Bernardi
Produzent*innen: Thomas Tielsch, Michael Seeber, Arash T. Riahi, Valerio B. Moser, Andreas Pichler
Produktion: Filmtank GmbH Film & Medienproduktion (DE)
Koproduktion: Golden Girls Filmproduktion, Miramonte Film (IT)

 

Venedig: Oberfläche um jeden Preis. Während die Massen in die Lagunenstadt pilgern, vermissen die verbliebenen Einheimischen Infrastruktur, erschwingliche Immobilien und das „typisch italienische“ Gesellschaftsleben. Während Stereotype hochgehalten werden, um Gäste aus aller Welt anzulocken, ist das „ursprüngliche“ Venedig gerade durch deren Massenaufkommen längst nicht mehr existent. Andreas Pichler widmet sich dieser paradoxen Realität und intoniert ein vielschichtiges filmisches Requiem.

Katalogtext Diagonale 2013:

Wenn die Kreuzfahrtschiffe in Venedig einlaufen, legen sich Schatten über die malerischen Steingässchen der Lagunenstadt. Noch meterhoch werden die Häuserdächer von den Dampfern überragt – eine „totale Verarschung“, wie Tudy Sammartini, eine der 59.000 verbliebenen Einwohner/innen, anmerkt. Auf den Markusplatz gehe sie nur noch nach Mitternacht. Dann, wenn die Kanäle für kurze Zeit in Ruhe verharren und die Einheimischen in den wenigen Bars unter sich sind. Andächtig lauschen diese in einer Szene dem Rap einer Crossover-Band: „Hochwasser, spül sie bitte weg“, singt der Frontmann und meint die Tourist/innen.

Untertags existiert Venedig zu deren Vergnügung als Fassade – das einstige Gesellschaftsleben wurde längst aus dem Zentrum verdrängt. Eine ganze Industrie ist darauf spezialisiert, das Klischeebild der Stadt künstlich aufrechtzuerhalten, ein Idyll, das Giorgio – einst bekanntester Gondoliere Venedigs – beim Betrachten alter Filmbilder wieder aufleben lässt. Was ist von diesem Leben heute noch übrig?

Während Giorgios Stadt täglich von rund 60.000 Tourist/innen besichtigt wird, flüchten viele Einheimische auf das Festland: vor kaputter Infrastruktur und unerschwinglichen Immobilienpreisen. Es ist eine paradoxe Realität, die Andreas Pichler vielseitig skizziert: eine Stadt in Abhängigkeit vom Tourismus, die jedoch genau deswegen sprichwörtlich baden geht – und diese Entwicklung durch Resignation und Laisser-faire noch weiter befördert. (red)

Viele Innenstädte sind zu Vergnügungsparks verkommen, die Ikonografie der Stadt ist durch den Massentourismus zu einer Ware geworden, die Milliarden wert ist. In Venedig findet das alles seinen wahrhaft spektakulären und dramatischen Ausdruck. Spektakulär, weil Venedig immer noch eine der schönsten Städte der Welt ist und die Tourist/innen-Massen dort im Verhältnis zur Einwohner/innen-Zahl in geradezu bizarrem Verhältnis stehen. Dramatisch, weil Venedig keine normale Stadt ist: Jede/r Venezianer/in, der/die seine/ihre Stadt verlässt, um aufs Festland zu ziehen, lässt eine Lebensform zurück, die damit unwiederbringlich verschwindet. (Andreas Pichler)