Diagonale
Festival des österreichischen Films
5.–10. April 2022, Graz

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Paradies: Hoffnung
Spielfilm, AT/DE/FR 2012, Farbe, 91 min.
Diagonale 2013

Regie: Ulrich Seidl
Buch: Ulrich Seidl, Veronika Franz
Darsteller*innen: Melanie Lenz, Joseph Lorenz, Michael Thomas, Vivian Bartsch u.a.
Kamera: Wolfgang Thaler, Ed Lachman
Schnitt: Christof Schertenleib
Originalton: Ekkehart Baumung
Sounddesign: Matz Müller, Erik Mischijew
Szenenbild: Renate Martin, Andreas Donhauser
Kostüm: Tanja Hausner
Produzent*innen: Ulrich Seidl, Christine Ruppert, Philippe Bober
Produktion: Ulrich Seidl Filmproduktion
Koproduktion: Tat Film, Parisienne de Production

 

Während die Mutter auf Sexurlaub in Kenia weilt, sollen bei der 13-jährigen Melanie im Diät-Camp die Kilos purzeln. Zwischen Drill im Turnsaal und Sex-Talk im Gemeinschaftsschlafraum muss sich Melanie mit ihren Gefühlen für den um vierzig Jahre älteren Camp-Arzt auseinandersetzen. Sie liebt ihn mit der Unschuld und Ausschließlichkeit der ersten Liebe, er jedoch kämpft gegen das schuldhafte Begehren an. Wo sich das vermeintliche Paradies auftut, ist Kummer nicht weit.

Katalogtext Diagonale 2013:

Die 13-jährige Melanie folgt der vorauseilenden Tante mit hängenden Schultern – in die Ferien, ins Diät-Camp, in die Obhut von Ärzten, Fitness- und Ernährungsberater/innen. Während die Mutter auf Sexurlaub in Kenia weilt, sollen beim übergewichtigen Teenager die Kilos purzeln. Junge Sommerträume sehen anders aus. Bildgewaltig erzählt Ulrich Seidl von Drill im Turnsaal, erniedrigendem Gruppen-Aerobic und Low-Fat-Menüs. Aber auch von den Zuckerseiten des Lebens: Im Gemeinschaftsschlafraum sind rasch Freundschaften geschlossen, eingeschleuste Schokoriegel und pubertärer Sex-Talk sorgen für ausgelassen-rebellische Stimmung.

Zunehmend hegt Melanie Gefühle für den um vierzig Jahre älteren, adrett gekleideten Camp-Arzt – einen richtigen Mann mit Erfahrung. Von den Zimmergenossinnen angespornt versucht sie, ihre erste vermeintlich große Liebe zu verführen. Beharrlich ersinnt sie also Notwendigkeiten ärztlicher Konsultation. Von Mal zu Mal scheinen die Gespräche und die spielerischen Rituale im Untersuchungszimmer vertrauter, intimer. Die Annäherung an den weitreichenden Tabubruch wird von der einen Seite mit der Unschuld und der Ausschließlichkeit der ersten Liebe forciert, während die andere Seite mit der eigenen moralischen Verantwortung ringt. Immer dann, wenn sich Paradiese auftun, lassen Enttäuschung und Erniedrigung nicht lange auf sich warten. Bei aller Brutalität der Ereignisse wahrt Ulrich Seidl die nötige Sensibilität und Zärtlichkeit in der Darstellung seiner jungen Protagonist/innen. Erst dieser vertrauensvolle Umgang lässt jugendliche Authentizität vor der Kamera entstehen und verhilft der szenisch-dokumentarischen Narration zu ihrer unbedingten Glaubwürdigkeit und Brisanz. (red)

Ich versuche immer, möglichst wahrhaftig zu sein, auch wenn ich eine fiktive Geschichte erzähle. Der Zuschauer soll verunsichert sein, ob das, was er sieht, nun wahr ist oder nicht. So lehnt man sich nicht zurück und sieht andere Menschen an, mit denen man nichts zu tun hat, sondern es wirft einen auf sich selbst zurück. (Ulrich Seidl, Interview Ray Filmmagazin)