Diagonale
Festival des österreichischen Films
5.–10. April 2022, Graz

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Ramsau am Dachstein (aus der ORF-Reihe: "Vielgeliebtes Österreich", Folge 5)
Dokumentarfilm, AT 1976, Farbe, 59 min., dOF
Diagonale 2021

Regie: Claus Homschak
Buch: Elfriede Jelinek
Darsteller*innen: Präsentation: Elfriede Jelinek
Kamera: Lazlo Nemeth, Harald Mittermüller
Schnitt: Eliska Stibrova
Weitere Credits: Sprecherin: Elisabeth Orth
Produktion: EPO-Film im Auftrag des ORF

 

Elfriede Jelinek wurde 1976 eingeladen, im Rahmen der ORF-Serie Vielgeliebtes Österreich einen Beitrag zu Ramsau am Dachstein zu gestalten. Der Film dekonstruiert Stück für Stück jene Mythen der Natürlichkeit, die die Basis für den Erfolg der Fremdenverkehrsindustrie bilden. Ramsau am Dachstein, frisch wie am ersten Tag und unverändert aktuell (Stichwort: Ischgl), ein Schlüsselwerk der österreichischen Filmgeschichte, sollte ihre letzte Fernseharbeit bleiben.

Zwischen 1975 und 1977 produzierte der ORF unter dem – der österreichischen Bundeshymne entnommenen – Serientitel „Vielgeliebtes Österreich“ zehn Porträts einzelner Regionen, die bei vielversprechenden Autor/innen und Filmemacher/innen in Auftrag gegeben wurden. Elfriede Jelinek, erklärte Cineastin, schrieb mit Ramsau am Dachstein ihr erstes Drehbuch. Der von Claus Homschak inszenierte Beitrag geht mit dem steirischen Land- und Bauernleben hart ins Gericht. Jelineks Text, der zum einen Teil von der Autorin selbst im Bild gesprochen und zum anderen aus dem Off von Elisabeth Orth gelesen wird, dekonstruiert Stück für Stück jene Mythen der Natürlichkeit, die die Basis für den Erfolg der Fremdenverkehrsindustrie bilden. Den Appell, den Dingen ihre Geschichte zurückzugeben, setzt Jelinek in ihrem Interview mit der alten Magd Josefa gleich selbst um. Josefa ist Hauptfigur des Films, ihre Erinnerungen sind Zeug/innenaussagen, die die Bilder froher Schiläufer/innen und die Beteuerungen der „besitzenden“ Ramsauer/innen konterkarieren und infrage stellen. Constantin Wulff bezeichnete die Arbeit als einen der interessantesten heimischen Dokumentarfilme der 1970er-Jahre: „Ramsau am Dachstein steht in der Tradition des Essayfilms: Bild, Ton und Text entfachen in Kontrastmontagen komplexe Bedeutungszusammenhänge und gängige filmische Muster werden erkenntnisreich umformuliert. Kein Bebilderungsfernsehen, sondern ein kinematografischer Wurf, der die Auswirkungen des kapitalistischen Modernisierungsprozesses auf dem Land minutiös dokumentiert.“ (1) Das Projekt war eine Quelle für Konflikte. Schon während der Produktion kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Jelinek und Homschak, der ihre Instruktionen zur filmischen Umsetzung konsequent ignorierte. Auf die Ausstrahlung reagierten die OeVP und der Bauernbund mit Protesten. Jelinek erlebte ihren ersten größeren Medienrummel. Ramsau am Dachstein, frisch wie am ersten Tag und unverändert aktuell (Stichwort: Ischgl), ein Schlüsselwerk der österreichischen Filmgeschichte, sollte ihre letzte Fernseharbeit bleiben.
(Dietmar Schwärzler, Sylvia Szely)

(1) www.film.at/vielgeliebtes_oesterreich_ ramsau_am_dachstein