Diagonale
Festival des österreichischen Films
16.–21. März 2021, Graz

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BROT
Dokumentarfilm, AT/DE 2020, Farbe, 94 min., OmdU
Diagonale 2020

Regie, Buch: Harald Friedl
Darsteller/innen: Georg Öfferl, Lukas Uhl, Brigitte Öfferl, Walter Öfferl, Hans-Jochen Holthausen, Christophe Vasseur, Daniel Malcorps, Karl de Smedt, Apollonia Poilâne, Martin Häusling, Joëlle Rüegg, Martin Allram, Julien Bourgeois
Kamera: Helmut Wimmer
Schnitt: Martin Kayser Landwehr
Originalton: Tong Zhang, Nora Czamler
Musik: Gerald Schuller
Sounddesign: Thomas Pötz
Produzent/innen: Johannes Rosenberger, Johannes Holzhausen, Constantin Wulff, Carl-Ludwig Rettinger
Produktion: Navigator Film
Koproduktion: Lichtblick Film (DE)

 

Diagonale’20 – Die Unvollendete. Die Diagonale’20 wurde aufgrund der behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 abgesagt.

Riesige Laibe und purzelnde Brötchen. In Europas Backstuben geht es vielfältig zu: In Österreich werden die lebendig anmutenden Sauerteige achtungsvoll studiert, in Deutschland ist die Stube eher eine Maschinenhalle. Und in Frankreich macht man ohnehin alles ganz anders. Harald Friedls Film ist eine Reise in die Welt des Brots. Neben drängenden Fragen über die Zukunft der Lebensmittelherstellung wird Ofenfrisches wie Anekdotisches gereicht.

Kein Brotteig gleicht dem anderen. Und auch kein Brotbäcker. Beim österreichischen Biobäcker Öfferl haben die Männer mächtige Oberarme. Beim deutschen Industriebäcker Harry-Brot wirken sie vergleichsweise schmächtig und begehen die riesigen Anlagen wie Maschinenwarte. Der Bäcker der belgischen Puratos-Gruppe betrachtet sein Handwerk als Wissenschaft und filmt das Aufgehen seiner Laibe mit dem Smartphone. Und ein französischer Traditionalist wird nicht müde, die Geschmacksbeigabe „Zeit“ zu betonen, die ein gutes Sauerteigbrot benötigt, um sein volles Potenzial zu entfalten. Harald Friedls Film BROT ist eine Reise in europäische Backstuben: gigantisch große und winzig kleine. Hier kann man Brötchen dabei zusehen, wie sie vom Fließband purzeln, und Menschen, wie sie Teige mit fast libidinöser Dringlichkeit liebkosen. Sowie verschiedene Formen von Vertrieb und Herstellung studieren: Während die französischen Brotscheiben sogar einzeln zum Verkauf dargeboten werden, erkundigt sich der Geschäftsführer von Harry-Brot bei seinen Mitarbeitern nach der Stückzahl, mit der die fertigen Produkte seine Öfen verlassen: dreitausend stündlich, siebentausend?
Harald Friedl verzichtet bewusst auf eine direkte Bewertung. Dafür lässt er eine Wissenschaftlerin über die Gefahren industrieller Lebensmittelproduktion referieren: Hormone in Pestiziden, die die Fertilität von Männern und Frauen beeinflussen, Zusatzstoffe, die es braucht, um ein Toastbrot aus billig angebautem Weizen fluffig und weich zu machen. Ein Landwirt spricht sich gegen den intensiven Chemikalieneinsatz auf Feldern aus und fordert ein längst fälliges Umdenken. Und der französische Traditionalist erklärt seiner Tochter, dass er erst mit ihrer Geburt begonnen habe, auf die Inhaltsstoffe von Lebensmitteln zu achten, davor sei es ihm egal gewesen. Apollonia Poilâne, Nachfahrin der berühmten Pariser Bäckerfamilie, sei das Brot hingegen in die Wiege gelegt worden bzw.: Der Brotkorb war ihre Wiege. Anekdotisches, das sich zwischen drängende Fragen mischt: Wollen wir unsere Lebensmittel billig und schnell oder teuer und langsam? Kleine Margen von herausragender Qualität oder gigantische von zufriedenstellender? Bio oder Chemie? Handwerk oder Industrie? Zwischenformen? Entscheidungen, die Politik und Konsument/innen für sich beantworten müssen. BROT jedenfalls schließt mit einer Großaufnahme seines heimlichen Stars: eines dicken, schweren, scheinbar atmenden Sauerteigs.
(Katalogtext, cw)