Diagonale
Festival des österreichischen Films
16.–21. März 2021, Graz

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Wie Sand am Meer ... Familiennotizen aus Urlaub und Alltag
Spielfilm, AT 1976, Farbe, 62 min., dOF
Diagonale 2020

Regie: Bernhard Frankfurter
Kamera: Franz Zecha, Helmut Schreiber, Alfred Lemesch
Schnitt: Inge Wistawel
Originalton: Klaus Kinzl, Herbert Sedmik

 

Stadt und (Urlaubs-)Sehnsucht – von Österreich an die Adriaküste. 1976 hat Bernhard Frankfurter für den ORF vier österreichische Familien in den Urlaub nach Bibione begleitet. Unweit vom Hausmeisterstrand vermisst Lotte Schreiber Jahrzehnte später einen Betonbau über der Küste von Triest. Zurück in Linz beobachtet Edith Stauber das freizeitliche Treiben im öffentlichen Schwimmbad. Alltag und Ausbruch: unter dem Pflaster liegt das Meer.

Dieser Film wäre bei der Diagonale'20 im Sammelprogramm „Unter dem Pflaster liegt das Meer“ im historischen Special Sehnsucht 2020 – Eine kleine Stadterzählung zu sehen gewesen.

Sonnenaufgang an der norditalienischen Adria. Noch hat die Möwengesellschaft den Sandstrand für sich allein. Noch sind sie nicht eingefallen, die Sonnenanbeter/innen und Erholungssuchenden aus den Nachbarländern. Die Massen von fliehenden, rauchenden Städter/innen mit ihrem Begehr, die von Arbeits-, Schul- und Familienalltag malträtierten Akkus aufzuladen. Schon in wenigen Stunden wird es hier dicht gedrängt sein, laut und ausgelassen, wird die funktionale Hotel- und Ferienmaschine Bibione temporär ihren Betrieb aufnehmen und weltstädtischen Esprit mimen.
1976 begleitete der Grazer Film- und Fernsehmacher Bernhard Frankfurter für den ORF vier Familien aus österreichischen Ballungsgebieten in den Urlaub. In Wie Sand am Meer treffen launige Gespräche während der sommerlichen Auszeit auf Interviews im haupt- bis kleinstädtischen Leben zu Hause. Urlaubsroutinen – abendlicher Einkaufsbummel, Venedigbesuch, Eisverzehr und Badefreuden – treffen auf Leistungsdruck, Träumereien und Sorgen im Alltagstrott. Frankfurter verweigert das leicht verdauliche apolitische Zerstreuungsfernsehen: Bereits in den ersten Minuten rückt er die eigentliche Funktion der „Arbeitszeitvergütung Urlaub“ klassenkämpferisch in den Fokus. Von Rekreation der Arbeitskraft und ökonomischer Lebenstaktung ist die Rede. Von der Hoffnung auf ein Mehr an Menschlichkeit, das Industrie und Gesellschaft im beruflichen Alltag verwehren. Dazu folgerichtig singt der Wiener Familienvater Masa am Campingtisch das Arbeiterlied „Bandiera rossa“. Die Ära Kreisky lässt sich weder in der Erzählung noch in der Filmsprache – oder gar in der Urlaubsplanung – verleugnen. Masa und seine Familie gehörten zu jenen glücklichen 37 Prozent in Österreich, die 1976 überhaupt in den Genuss von Auslandsreisen kamen. Für alle anderen blieben – und bleiben auch heute noch – die innerstädtischen Erholungsoasen.
(Katalogtext, Sebastian Höglinger)

Unter dem Pflaster liegt das Meer
Eintritt zum Paradies um 3€20 (R: Edith Stauber, AT 2008)
Wie Sand am Meer – Familiennotizen aus Urlaub und Alltag (R: Bernhard Frankfurter, AT 1976)
quadro (R: Lotte Schreiber, AT/IT 2002)