Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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The Royal Train
Dokumentarfilm, AT/RO 2019, Farbe, 94 min., OmdU
Diagonale 2020

Regie: Johannes Holzhausen
Buch: Johannes Holzhausen, Constantin Wulff
Kamera: Joerg Burger
Schnitt: Dieter Pichler
Originalton: Vlad Voinescu
Musik: Irene Kepl
Sounddesign: Andreas Hamza
Produzent/innen: Johannes Rosenberger, Johannes Holzhausen, Constantin Wulff, Ada Solomon, Diana Păroiu
Produktion: Navigator Film
Koproduktion: HiFilm Productions (RO)

 

Diagonale’20 – Die Unvollendete. Die Diagonale’20 wurde aufgrund der behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 abgesagt.

Der royale Zug fährt ein. Aus ihm steigt: Kronprinzessin Margareta. Wurden die Monarchen mit der Machtergreifung der Kommunisten im Jahr 1947 aus dem Land vertrieben, ist man nun um Wiederannäherung bestrebt. Johannes Holzhausen lässt in seinem Film an manch bierernster königlicher Schau teilhaben, vernachlässigt aber auch nicht den Blick in die Historie. Altes und neues Rumänien gehen auf Tuchfühlung. Beiden gemein: ein Sinn für Artefakte in Nationalfarben.

Mit offenen Armen empfangen die Rumän/innen ihre Monarchen nicht. Es bedarf einer schrittweisen Annäherung an die von den Kommunisten 1947 ins Exil Gejagten. Kronprinzessin Margareta, zwei Jahre nach dem Rauswurf in der Schweiz geboren und Tochter König Michaels I., übernimmt den Job. Ähnliche Ansinnen hatte es bereits in der Vergangenheit gegeben: Als Michael I. 1990 nach dem Ende der Revolution in die Heimat zurückkehrte, warfen ihn die Postkolonialisten aus dem Land. 2017 ist die Zeit reif für einen neuen Versuch. Aber können sich die Menschen überhaupt noch an ihre einstigen gekrönten Häupter erinnern? „Sie haben doch schon von der königlichen Familie gehört?“, fragt ein Mann, während er einige Plakate klebt. Die Kronprinzessin, ihr Ehemann Radu und einige andere sollen hier demnächst vorbeischauen, vorfahren im königlichen Zug. Bis es so weit ist, ist einiges zu tun. Schritte auf dem roten Teppich müssen ausgezählt werden, damit die Formation an jeder Haltestelle gleichermaßen sitzt. Bahnhofsmitarbeiter/innen müssen überzeugt, Fähnchen verteilt, eine allgemeine Stimmung von Feierlichkeit hergestellt werden. Es ist eine Schau, eine Inszenierung, die auf den ersten Blick belustigt. Doch Johannes Holzhausen entscheidet sich in seinem Film, nicht in jener Perspektive zu verharren, sondern das Geschehen von einer umfassenderen Position wahrzunehmen. Joerg Burgers Kameraarbeit unterstützt ihn dabei: Sie beobachtet fein und zurückhaltend, besitzt aber ein untrügliches Gespür für den richtigen Moment.
Lustig geht es dabei zwar noch immer zu – etwa wenn ein reich geschmückter Kleriker seinen Teller mit kleinen Häppchen vom Buffet belädt oder eine Lenin-Statue eingeschmolzen wird, um als Königskopf wiedergeboren zu werden. Aber The Royal Train konfrontiert auch mit dem Auslöschungszwang der Kommunisten, denen jedes königliche Artefakt, beispielsweise in Form eines Bildbandes, als Anlass dienen konnte, dessen Besitzer/in zu inhaftieren. Alles, was in Verbindung mit der Monarchie stand, war „konterrevolutionäres Element“. Heute möchte Margareta vor allem „inspirieren“ und wird nicht müde, jene Botschaft zu verkünden. Vor Kindern, die ihr versprechen sollen, mindestens zehn Minuten am Tag zu lesen, oder Politiker/innen, die wieder zu alten moralischen Werten zurückfinden sollen. Dann wieder gilt es, die Hersteller der Wassermarke „Aqua Queen“ zum königlichen Hoflieferanten zu ernennen. Zwischen bierernst begangenen Formalitäten und historischer Aufarbeitung versucht die Monarchie wieder Anschluss an ein Land zu finden, das sich seit 1947 mehrfach und drastisch verändert hat. Der royale Zug fährt nicht von selbst. Aber er gibt sich alle Mühe, pünktlich zu sein.
(Katalogtext, cw)