Diagonale
Festival des österreichischen Films
5.–10. April 2022, Graz

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Epicentro
Dokumentarfilm, AT/FR 2020, Farbe, 108 min., 11.06. OmeU/12.06. OmdU
Diagonale 2021

Regie, Buch, Kamera, Originalton: Hubert Sauper
Schnitt: Yves Deschamps, Hubert Sauper
Musik: Maximillian Turnbull, Zsuzsanna Varkonyi
Sounddesign: Karim Weth, Alexander Koller
Produzent*innen: Gabriele Kranzelbinder, Paolo Calamita, Daniel Marquet, Martin Marquet
Produktion: KGP Filmproduktion
Koproduktion: Little Magnet Films GmbH, Groupe Deux (FR)

 

In Havanna, Kuba, steht Veränderung vor der Tür. Fidel Castro ist tot, in den USA ist Trump der neue Präsident. Kann die karibische Republik das Paradies bleiben, für das es einige halten? Was wird aus der politischen Utopie? Hubert Sauper legt in seinem Film viele Fährten aus, es geht um die Macht der Kamera, Hollywood und Imperialismus. Um Tourist/innen und vermeintliche Kubafreund/innen, einen Fotografen aus New York und Kompliz/innenschaft.

Hubert Sauper geht in Epicentro auf eine Reise. Das Imaginative spielt eine Rolle, genauso aber auch beinharte Realität. Wir befinden uns auf Kuba. Ist dort das Paradies zu finden? Immer wieder geistert der Begriff durch den Film, ebenso das Wort „Utopie“, das man folgendermaßen übersetzen kann: good place oder no place.
Inspiriert hat Sauper unter anderem ein Buch von Johannes Schmidl namens „Energie und Utopie“. Hier geht es auch darum, wie es sich mit Paradoxien leben lässt. Und warum der Mensch dazu tendiert, am Status quo festzuhalten. Epicentro legt viele Fährten aus. Die Macht des Kinos ist von zentraler Bedeutung („Kino ist Hexerei“) und natürlich die USA, der benachbarte „Imperialist“, von dem sich viele, die Sauper mit seiner Kamera einfängt, bedroht fühlen, der aber gleichzeitig enorm fasziniert. Die USA seien für sie Disney, sagt eine junge Frau in einer Bar. Brad Pitt und Leonardo DiCaprio und dazwischen Mickey Mouse. In einer anderen Szene torkelt in einem Wohnzimmer Captain Jack Sparrow über den Fernsehbildschirm.
Sauper agiert in Epicentro mit freier Kamera, man wird eingewebt in eine Stadt, Havanna, in der ­sich Marodes, Aufpoliertes, verbliebener Kommu­nis­mus und in Form von Tourist/innen einströmender Kapitalismus (ein Federhalter für mehr als 2.000 US-Dollar in einer Auslage) vermischen. Ein älterer Deutscher und Anhänger des Tango, der sich im Land gut auszukennen meint, fasst das Leben auf Kuba als wohlhabender weißer Mann so: „Sonne, leben, Spaß haben.“ Ein Fotograf aus New York wiederum verschenkt einen Kugelschreiber an einen kleinen Jungen, weil der eine Gegenleistung vom Fremden erwartet, der unaufgefordert in die Wohnbereiche seiner Familie eingedrungen ist und nun alle und alles ablichtet. Normalerweise würde er so etwas nicht tun, für Fotos in irgendeiner Form bezahlen. Denn: „Getting photographed by me is an honor.“
Der Kontrast, wie sich Sauper seinen Protagonist/innen nähert, tritt dann umso deutlicher hervor. Sauper ist kein Imperialist mit Kamera in der Hand, er wird zum Komplizen, insbesondere der Kinder, die im Film zu sehen sind. Vor allem ein Mädchen sticht hervor, an der Schwelle zur Frau, das von einer Karriere als Schauspielerin träumt und dem man streckenweise auch zutraut, dass es diesen Traum verwirklichen wird. Während der Dreharbeiten stirbt Fidel Castro, und ein paar Kilometer weiter nördlich kommt Donald Trump an die Macht. Epicentro wird möglicherweise zum Epizentrum eines sich ankündigenden Umbruchs.
(Katalogtext, cw)