Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

FilmprogrammRegisseur/innen | Spielplan


Freitag, 22.03.
18:30 Uhr, KIZ Royal
Samstag, 23.03.
13:00 Uhr, KIZ Royal

Die Kinder der Toten

Spielfilm, AT 2019, 92 min, OmeU

In der filmischen Adaption von Elfriede Jelineks Opus magnum „Die Kinder der Toten“ durch das Nature Theater of Oklahoma werden heimatliche Idyllen gespenstisch untergraben: Was mit malerischen Super8-Aufnahmen vom Ferienparadies Obersteiermark beginnt, entpuppt sich nach und nach als trashiger Horrorheimatfilm, in dem die Untoten auferstehen und die Dorfbewohner/innen zwingen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dabei wird der Film zur Hommage auf das Kino als Ort, an dem die Erinnerung fortlebt.

Ein schaulustiges Grüppchen hat sich an der Unfallstelle versammelt, an der ein holländischer Touristenbus mit einem Auto zusammengestoßen ist, und beobachtet das brennende Unglücksszenario mit einer Mischung aus Sensationsgier und Angstlust. „Schon der dritte Unfall diesen Monat“, meint einer der Gaffer. Der Tod hat Einzug gehalten in die Obersteiermark. Schleichend zunächst, in Form von gruseligen Palatschinkenfratzen und rohem Schnitzel im Gasthof Alpenrose, später als entfesselter Zombiezug toter Einheimischer. In der filmischen Adaption von Elfriede Jelineks Opus magnum „Die Kinder der Toten“ durch das Nature Theater of Oklahoma um Kelly Copper und Pavol Liška im Rahmen des steirischen herbstes 2017 werden heimatliche Idyllen gespenstisch untergraben: Was mit malerischen Super8-Aufnahmen vom Ferienparadies Obersteiermark beginnt, entpuppt sich nach und nach als Horrorheimatfilm, in dem die Untoten auferstehen und die Dorfbewohner/innen zwingen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Eine Sekretärin sieht sich mit einer bösartigen Doppelgängerin konfrontiert und treibt ihre Übermutter in den Wahnsinn. Ein verbitterter Förster wird von seinen Söhnen verfolgt, die schon vor Jahren Selbstmord begangen haben. Eine Naziwitwe kreiert in einer alten Fabrik ein CINEMA 666, in dem die Vergangenheit hemmungslos beweint werden kann. Und eine Gruppe hungriger syrischer Poeten dringt als Fremde in den Dorfkosmos ein. Zum Schluss: die Wiederkehr der Getöteten – allesamt auch Opfer der österreichischen und europäischen Geschichte.
Das New Yorker Künstlerkollektiv drehte mit 666 Rollen Super8-Film und rund achtzig Laiendarsteller/ innen in obersteirischen Kindheitsorten der Nobelpreisträgerin rund um Neuberg an der Mürz. Die Kinder der Toten ist nicht nur eine äußerst witzige Mischung aus trashigem Splatter und Schauermärchen, sondern erzählt in seiner analogen Machart auch einiges über das Medium Film und seine Geschichte. Wie beim Stummfilm gibt es auf der Tonebene nur Musik zu hören, bei der sich in die heimischen Bläserklänge Wolfgang Mitterers experimentelle Schauertöne mischen. Schwarze Schrifttafeln, auf denen die Jelinek’schen Sprachspielereien auf die Spitze getrieben werden, unterbrechen die Sequenzen, die in ein orgiastisches Fest der Lebenden und der Toten münden. Dabei gerät der Film zur Hommage auf das Kino als Ort, an dem das Kontinuum der Geschichte endgültig aufgelöst ist. Erinnerung, die schmerzt, erschreckt und notwendig ist. Heute genauso wie im Jahr 1995, als Jelineks Werk als Reaktion auf die politische Debatte um das postnazistische Erbe erschien.
(Katalog, ast)

Dank an Gaulhofer – Fenster und Türen 

Regie: Kelly Copper, Pavol Liška
Buch: Kelly Copper, Pavol Liška
Darsteller/innen: Andrea Maier, Greta Kostka, Klaus Unterrieder
Kamera: Kelly Copper, Pavol Liška
Schnitt: Kelly Copper, Liška
Originalton: David Almeida-Ribeiro
Musik: Wolfgang Mitterer
Sounddesign: Matz Müller
Weitere Credits: Buch, Kamera, Regie und Schnitt: Nature Theater of Oklahoma Produzent: Ulrich Seidl Künstlerische Mitarbeit: Claus Philipp Co-Schnitt: Michael Palm Tongestaltung: Matz Müller Mischung: Tobias Fleig Komponist: Wolfgang Mitterer Herstellungsleitung: Daniela Trauner, Georg Aschauer Produktionsleitung: Teresa-Saija Wieser Producer USFP: Claus Philipp, Georg Aschauer Mit Unterstützung von: Österreichisches Filminstitut, Land Steiermark, CINE ART: Kultur Land Steiermark in Zusammenarbeit mit: ORF Film/Fernseh-Abkommen, Produktion: Ulrich Seidl Filmproduktion © Wien 2019 in Zusammenarbeit mit Steirischer Herbst 2017
Produzent/innen: Ulrich Seidl
Produktion: Ulrich Seidl Filmproduktion GmbH