Diagonale
Festival des österreichischen Films
5.–10. April 2022, Graz

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Die vergangenen Zukünfte
Dokumentarfilm, AT 2021, Farbe+SW, 98 min., OmeU
Diagonale 2021

Regie, Buch, Kamera, Schnitt: Johannes Gierlinger
Darsteller*innen: Lara Sienczak
Originalton: Karl Wratschko, Viktoria Bayer, Jan Zischka, Aleksandra Kolodziejczyk, Eva Sommer
Musik: Frank Rottmann
Sounddesign: Peter Kutin, Frank Rottmann
Weitere Credits: Stimmen: Lara Sienczak, Martin Hemmer
Produzent*innen: Johannes Gierlinger, Georg Tiller / Subobscura Films
Koproduktion: Subobscura Films

 

Dem Menschen ist es ein Anliegen, sich für Ideen aufzubäumen. Johannes Gierlinger nimmt in Die vergangenen Zukünfte einen besonderen Zeitmoment der Geschichte, die Märzrevolution 1848, zum Ausgangspunkt. Von hier aus entklappt sich ein bewegtes Wien, das von angezündeten Palästen und teuren Turnschuhen erzählt, von anarchistischer Lektüre, die auf Holzbänken ausliegt, und unbeachteten Denkmälern. Ein analog gefilmter Essay, waghalsig und trotzdem geruhsam, nachdenklich machend und anstoßend.

„Nicht der Schrift, sondern der Fotografie Unkundige wird der Analphabet der Zukunft sein“, wird László Moholy-Nagy in Die vergangenen Zukünfte zitiert. In Johannes Gierlingers Film gibt es viele Bilder zu erkunden, Aufnahmen bauen aufeinander auf und schieben sich ineinander, zerfallen wie ein zerbrochener Spiegel, sehen einen an, sprechen und schweigen gleichermaßen. Es ist eine Durchwanderung Wiens, unternommen von einer jungen Frau, gespielt von Lara Sienczak, die auch zu hören ist, und einem Mann, der zu hören ist, aber unsichtbar bleibt. Seine Stimme ist die von Martin Hemmer, die Gedanken stammen möglicherweise von Johannes Gierlinger. Jedenfalls sagt er: „Ich dachte, um das Politische der Gegenwart zu verstehen, muss man in alle Richtungen gucken: nach links und nach rechts, nach vorne und nach hinten.“
Über mehrere Jahre hat eine Kamera in der Funktion einer Zeitmaschine Demonstrationen, Aufmärsche und Zusammenkünfte dokumentiert. Darunter eine Feier zum 1. Mai, die von Rechten infiltriert und gestört wird. Oder eine Straße im Jahr 2015, auf der sich Menschen versammeln, um gemeinsam Geflüchtete zu empfangen und für ein offenes Europa einzustehen. Zu sehen ist auch ein kleiner Protestzug für die Unabhängigkeit Biafras. All diese Bilder montiert Gierlinger mit Zeugnissen der Vergangenheit, mit Denkmälern, die von der Märzrevolution 1848 künden, ihren Protagonist/innen, Opfern, Errungenschaften. Im Film ist die Revolution konkreter wie geisterhafter Ausgangspunkt. Jene „Objekte der Historie“ werden indes von Lara Sien­czak mit einem Diktiergerät aufgesucht. Sie spricht mit Personen, die sich zufällig in ihrer Nähe aufhalten. Und stellt fest: „Das ist das Problem des Denkmals. Es verewigt. Oder, besser gesagt, es versucht, sich einzuschreiben. Es ist beständig. Es steht und wacht. Und trotzdem wird es übersehen.“
In Die vergangenen Zukünfte werden darüber hinaus Fragen aufgeworfen: „Gibt es den Körper der Geschichte?“ „Ideen können nicht erschossen werden. Und heute?“ „Ist es die Eigenart dieses Landes, die Blickrichtungen, so schnell es geht, zu wechseln?“ Man dringt in einen kollektiven Keller ein, in dem es vergessene Hitler-Büsten zu finden gilt, schaut unter den Westbahnhof, der zu Teilen aus Grabsteinen eines jüdischen Friedhofs besteht. Historische Aufnahmen des Wiener Justizpalastbrands von 1927 korrespondieren mit dem Besuch einer anarchistischen Buchmesse und dem neuen Sneaker von Kanye West hinter den Türen eines Foot Locker. „Die Geschichten, sie sind fragil“, heißt es zum Schluss. Und an welcher arbeiten wir derzeit?
(Katalogtext, cw)