Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Unvergessen: Wolf Suschitzky

Wolf Suschitzky, Foto: Joerg Burger

Wolf Suschitzky, Foto: Joerg Burger

Für immer on location: Servus, Su!

 

Ein stilisiertes, schwarz umrandetes Kameraauge auf der weißen Visitenkarte, daneben die Berufsbezeichnung: photographer/cameraman. Ja, tatsächlich, Kameramann. Nicht etwa Director of Photography, wie es einem Mann, der gut und gerne zweihundert Filme fotografiert hat, zweifellos zustehen würde. Für sich selbst aber lehnte Wolf Suschitzky diesen Hollywoodneologismus stets dankend ab mit der Begründung, heutzutage wolle halt jeder von irgendetwas Direktor sein.

Sein ursprüngliches Metier war die Fotografie, doch als Kameramann macht er eine Karriere, die ein halbes Jahrhundert überspannt. Suschitzky dreht Dokumentarfilme in Bergwerken, Elendsvierteln, Schulen und Kriegslazaretten, Werbespots für Pirelli, Kinderserien fürs Fernsehen und eine Handvoll unvergesslicher Kinoklassiker. Dabei hat er mit Otto Neurath gearbeitet, dem Entwickler des Bildsprachen-Systems Isotype, mit Carl Mayer, dem bedeutendsten Autor des Stummfilms, mit Paul Rotha, einem der Väter des englischen Dokumentarkinos, mit Joy Adamson, der legendären kenianischen Löwenmutter, mit Seán O’Casey, dem großen irischen Dramatiker – und natürlich auch mit einer Reihe bekannter Schauspieler/innen wie Michael Caine, Diana Rigg, Vincent Price, Tracey Ullman, Trevor Howard, Susannah York, Robert Morley oder John Cleese.

Wolf Suschitzky, von Freund/innen und Kolleg/innen meist „Su“ genannt, wird 1912 in Wien geboren. Er studiert an der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt Fotografie. 1934 verlässt er Österreich unter dem Eindruck des Austrofaschismus und beginnt, mit seiner älteren Schwester Edith, die nach England geheiratet hat, in deren Porträtstudio zu arbeiten. Während in Wien Buchhandlung und Verlag der Eltern „arisiert“ werden, fotografiert Suschitzky in London die Straße der Buchläden: Heute gilt seine „Charing Cross Road Series“ als Meilenstein der britischen Reportagefotografie – 1938 ebnet sie ihm den Weg, um das Genre zu wechseln und beim Film anzufangen.
Wolf wird zu einem Meister seines Fachs und berühmt für sein rasches, selbst unter den schwierigsten Bedingungen präzises Arbeiten on location. Doch genauso ist er ein Meister darin, sein Licht unter den Scheffel zu stellen – wie sich auch seine ehemaligen Kolleg/innen in ihren Tributes für das Buch „Wolf Suschitzky: Films“ erinnern.

„Ich kann mir kein schöneres Geschenk vorstellen als das Vergnügen zu haben, mit diesem außergewöhnlichen Künstler zusammenzuarbeiten“, meint Joseph Strick, der Regisseur von Ulysses (1967). „Um einer Szene mehr Aussagekraft zu­verleihen, benötigte ‚Su‘ nicht zusätzliches Licht, ­sondern drehte es kurzerhand ab. Das war ­ef­fi­­­­­­­­­­­­­zi­enter und viel effektvoller.“

„Wenn Regisseur Paul Rotha – was oft der Fall war – mit seiner Londoner Firma am Telefon hing, übernahm ‚Su‘ und führte ruhig und wie von Zauberhand die Regie“, erzählt der Schauspieler Michael Gough über den Dreh von No Resting Place (1951), einem Meilenstein des britischen Kinos.

„Mit Wolfs enormem Talent will ich mich hier gar nicht lange aufhalten. Das hat er einfach und ich bin dankbar, dass ich davon profitieren durfte“, schreibt Mike Hodges, Drehbuchautor und Regisseur des Gangsterfilmklassikers Get Carter (1971). Und weiter: „Ehrlich. Direkt. Das Gegenteil von aufdringlich. That’s Wolf.“

Wolf Suschitzky hat sich selbst nie als Künstler betrachtet, doch mit seinem handwerklichen Können, seinem Einfallsreichtum und nicht zuletzt seinem Humor hat er Schönheit in den Dokumentarfilm und dokumentarische Genauigkeit in den Spielfilm gebracht. Sein vielgestaltiges Werk ist geprägt von seiner optimistischen Weltoffenheit – ebenso wie die Beziehung zu seiner alten Heimat, die er bis ins hohe Alter fast jedes Jahr besucht hat. Bei der Diagonale war er 2003 und 2007 zu Gast. Mit diesem Programm wollen wir an unseren alten Freund erinnern, der vergangenen Oktober im 105. Lebensjahr in London verstorben ist … Servus, Su!

(Brigitte Mayr, Michael Omasta)

 

Gemeinsam mit SYNEMA widmet die Diagonale’17 dem 2016 verstorbenen Wolf Suschitzky ein Programm – Unvergessen: Wolf Suschitzky

Wolf Suschitzky – Fotograf und Kameramann (R: Joerg Burger, AT 2009)
Joerg Burger – selbst Fotograf und Kameramann – zeichnet das bewegte private und künstlerische Leben Wolf Suschitzkys nach. Eine Hommage auf einen großen, allzu bescheidenen Mann des Kinos.

The Bespoke Overcoat (R: Jack Clayton, UK 1955)
Ein magischer Essay jüdischer Verzweiflung: Fender, ein alter Buchhalter im Lagerhaus einer Kleiderfabrik, will einen der warmen Schaffellmäntel, die sich dort stapeln. Sein Chef lehnt ab; Fender beauftragt den befreundeten Schneider Morry ihm einen Mantel anzufertigen, wird aber entlassen und erfriert bevor dieser fertig wird. Sein Geist kehrt zurück.

Snow (R: Geoffrey Jones, UK 1963)
Montagefilm über den Zustand der britischen Eisenbahn nach dem harten Winter 1962/63 und die langsame Rückkehr zur Normalität. Diese mit jazziger Musik unterlegte fulminante Winterreise mit British Railways wurde 1965 in der Kategorie Bester Kurzfilm für den Oscar nominiert.

Nach einer Idee von und mit einer Einführung von Michael Omasta und Brigitte Mayr. Special Guest: Peter Suschitzky

In Referenz zu Peter und Wolf Suschitzky zeigt die Diagonale’17 Auf Ediths Spuren (R: Peter Stephan Jungk, AT 2016). Edith Tudor-Hart war Wolf Suschitzkys Schwester und Peter Suschitzkys Tante.

 

 

Lektürehinweis „Wolf Suschitzky: Films“
Eine SYNEMA-Publikation mit Tributes von Peter Suschitzky, Mike Hodges, Virginia McKenna, Robert D. Graff, Michael Gough, Joseph Strick, einer umfassenden Filmografie und 180 Fotos von Wolf Suschitzky (Text deutsch/englisch)