Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Die Carl Mayer-Drehbuchpreise, der Thomas Pluch Drehbuchpreis und der Dor Film Preis für Drehbuchentwicklung werden am Freitag, 11. März, 11 Uhr, im HDA – Haus der Architektur im Rahmen eines Festaktes verliehen.

Jury für den Thomas Pluch Preis für kurze oder mittellange Kino-Spielfilme den Hauptpreis:
— Christian Frosch (Drehbuchautor, Regisseur)
— Ulrike Schweiger (Drehbuchautorin, Regisseurin)
— Andrea Wagner (Filmeditorin)

Jury für den Thomas Pluch Hauptpreis und den Thomas Pluch Spezialpreis der Jury:
— Claudia Gladziejewski (TV-Redakteurin)
— Thomas Wendrich (Drehbuchautor, Regisseur, DE)
— Monika Willi (Filmeditorin, AT)

Thomas Pluch Drehbuchpreise 2016

Thomas Pluch Drehbuchpreis 2016:
Elisabeth Scharang für Jack

 
für das beste Drehbuch eines abendfüllenden Kinospielfilms oder eines abendfüllenden Fernsehfilms
 
€ 12.000, gestiftet vom Bundeskanzleramt Kunst und Kultur
 
Jurybgeründung:
Kann man für eine Figur empathisch mitfühlen, und sie dennoch distanziert betrachten? Ja, das geht. Denn die Autorin erliegt nicht der Versuchung, ihren Protagonisten zu erklären oder zu entschuldigen. So wird z. B. seine Kindheit nur gestreift und über die Figur der Mutter unglaublich plastisch erzählt. Das Drehbuch ist eine Versuchsanordnung, die die Frage nach Schuld und Unschuld verhandelt und das Urteil dem Leser überlässt. So entsteht ein Sittengemälde, das wie ein Spiegel für uns alle funktioniert, in den wir lieber nicht hineinschauen würden. Das Buch JACK ist eine Zumutung für jeden, der den wahren Mörder kennt oder zu kennen vermeint.

 

Thomas Pluch Spezialpreis der Jury: Stefan Hafner und Thomas Weingartner für Wenn du wüsstest, wie schön es hier ist

 
für ein Drehbuch eines abendfüllenden Kinospielfilms oder eines abendfüllenden Fernsehfilms mit besonders herausragend behandelten Aspekten
 
€ 7.000, gestiftet vom Bundeskanzleramt Kunst und Kultur
 
Jurybegründung:
Selten hat man im Fernsehen so viele hinterfotzige und dabei warm gezeichnete Figuren, die wir alle irgendwie kennen. Dem Autoren-Duo gelingt es, dem engen Korsett des Landkrimi-Formats eine Lebendigkeit einzuhauchen, die ihresgleichen sucht. Wenn du wüsstest, wie schön es hier ist ist nicht nur die Coming of Age-Geschichte eines 35jährigen Polizisten, sondern eines ganzen Dorfes. Dessen Sprache wird so gut eingefangen, dass wir tief in die Seele der Figuren blicken. Viele überraschende Wendungen, mitreißende Montagesequenzen und ein schlüssiges Musikkonzept machen diesen Landkrimi zu einem hintergründigen Lesevergnügen.

 

Thomas Pluch Preis:
Maria Luz Olivares Capelle für Wald der Echos

 
für kurze oder mittellange Kinospielfilme für das beste Drehbuch eines Kinospielfilms mit einer Mindestlänge von 20 bis max. 70 Minuten
 
€ 3.000, gestiftet vom Bundeskanzleramt Kunst und Kultur
 
Jurybegründung:
Es passiert gar nicht so selten, dass man nach einer Drehbuchseite weiß, wie die Geschichte enden wird. Dann gibt es – weit seltener- Drehbücher, die man mehrfach lesen muss und trotzdem Schwierigkeiten hat, die Geschichte wiederzugeben. Trotzdem spürt man, dass etwas verhandelt wird, das einer inneren Logik folgt, die sich der Leserin, dem Leser aber weit mehr entzieht, als sich an- oder darzubieten. Es bleibt nicht die Erzählung selbst, sondern ein Echo darauf zurück. Ein Echo entsteht, wenn Reflexionen einer Schallwelle so stark verzögert sind, dass man diesen Schall als separates Hörereignis wahrnehmen kann. Was für wahr genommen wird und die Wahrheit sind nicht mehr deckungsgleich.
Man braucht sich also nicht wundern, wenn Kinder Mitleid mit ihren Kopfläusen haben und sie vor der Mutter schützen wollen, oder wenn eine Tote im See treibt und von den Kindern ohne größere Emotionen am Ufer begraben wird. Ein Film, der einer Logik von Kinderwelten zu folgen scheint, und doch “nur” ein Echo darauf ist. Komplizierter wird die Sache auch dadurch, dass die Ereignisse fast durchgehend kunstgeschichtliche Referenzen aufweisen und das Buch augenscheinlich auf Ikonographien und Mythologien verweist – sowohl kanonisierten als auch privaten.
Peter Greenaway hat einmal gesagt, das Kino sei eine viel zu wunderbare Maschine, um sie den
Geschichtenerzählern zu überlassen. Natürlich erzählt auch er und auch dieses Buch eine Geschichte, doch sie folgt anderen Prämissen als jenen, die das zeitgenössische Kino dominieren und das im schlimmsten Fall so standardisiert ist, dass man nach einer Seite zu lesen aufhören kann. Der Preis der nationalen Jury des Thomas Pluch Preises 2016 für das beste Kurzfilmdrehbuch geht deshalb an “Wald der Echos”, das nicht die ausgetreten Wege beschreitet, sondern ein Echo der verschlungenen verbotenen Pfade ist. Gratulation an Maria Luz Olivares Capelle.