Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

 

„Bild Ton & Respekt“ wurde gemeinsam mit der Diagonale und Wolfgang Möstl von Robert Rotifer kuratiert.

Robert Rotifer – Bild, Ton & Respekt

Geglückte Synthesen von Pop und Film

 

Boybands, Raves und Indie-Pop – zwei Programmsampler aus der Perspektive der österreichischen Musikszene

„Wichtig war Pulsinger & Co, dass ihre Musik nicht als Feigenblatt für irgendeinen Kommerzscheiß missbraucht wird. Das musste ich ihnen versprechen“, erzählt Stefan Ruzowitzky im Rückblick auf Tempo, sein von der Technokultur der mittleren 1990er-Jahre geprägtes Spielfilmdebüt.
Pop und Film sind heikle Gefährten. Kaum ein Medium eignet sich so gut zur Zerstörung von Pop-Credibility wie der Film, und kaum eine aufkommende Pop-Generation war sich dessen bewusster als die damalige Techno-Szene. Sie misstraute dem Filmruhm nicht bloß, sie hatte ihn auch gar nicht nötig. Schließlich übte sich die Dance Culture vor der Ankunft des Phänomens Superstar-DJ noch in strikter Ablehnung des Starprinzips.
Stimmigerweise machen Jojo und Bastian, die beiden Hauptcharaktere in Tempo, weder selbst Musik, noch sind sie in deren Veranstaltung involviert. Die Verbindung der beiden Fahrradboten zum Techno besteht ausschließlich im Tanzen.

 

Tempo, Still: Dor Film/Pertro Domenigg

Tempo, Still: Dor Film/Pertro Domenigg

Ruzowitzky war kein Unschuldiger, er hatte sein Brot mit Fernseharbeit, Werbungen und Musikvideos verdient, u. a auch für die damals dominante Produktionsfirma DoRo von Rudi Dolezal und Hannes Rossacher. „99 Prozent der Musikvideos, die ich für DoRo gemacht habe, waren allerübelster Eurodance“, sagt er heute streng, „Bands, bei denen nicht einmal ‚Ich war jung, ich brauchte das Geld‘ gilt.“
Aber seine Begeisterung für Techno war echt und gänzlich unzynisch. Bei der Arbeit an einem Beitrag für die ORF-Sendung X-Large über das Phänomen „Rave“ hatte er den DJ und Produzenten Patrick Pulsinger kennengelernt. Der sorgte gemeinsam mit seinem Partner Erdem Tunakan nicht nur für einen Großteil des Tempo-Soundtracks, sondern stellte auch die Verbindung zu anderen maßgeblichen Elektronikern der Zeit wie Peter Kruder, Christopher Just, DJ Dan Lodig oder Gerhard Potuznik her. In der Welt vor dem Internet waren solche persönlichen Einführungen noch unabdingbar.
Umso ironischer erscheint aus heutiger Sicht Ruzowitzkys Fetischisierung der Geschwindigkeit des modernen Lebens, sei es in den urbanen Radfahrszenen, im Stakkato der schnellen Schnitte oder in den dazu polternden Beats.

 

Talea, Still: La Banda Film

Talea, Still: La Banda Film

In der heutigen Zeit der unsichtbaren Geschwindigkeit, da Jobs wie der des Boten Jojo per Dropbox oder dergleichen online erledigt werden (wiewohl Drogen auch heute wohl noch physische Kuriere brauchen), können auch geduldige Bilder wie jene aus Katharina Mücksteins Talea glaubhaft Pop-Sensibilität transportieren. Ihre direkten Bezugspunkte finden sich freilich nicht in der Popkultur, sondern im Werk von Filmemacherinnen wie Barbara Albert und Jessica Hausner, aber ihre Arbeit mit Veronika Eberhart und Wolfgang Möstl zeugt von gegenseitigem Respekt.
Eberharts Gitarrenband Plaided kam aus dem von der feministischen Riot-Grrrl-Bewegung und vom Queer Punk inspirierten Umfeld des Wiener Fettkakao-Labels, Wolfgang Möstl wiederum hatte sich zuerst mit der Noiserockband Killed by 9V Batteries einen Namen gemacht.

 

Durchgang, Still: Wolfgang Möstl

Durchgang, Still: Wolfgang Möstl

Während Eberhard sich als Performance-Künstlerin bzw. unter ihrem Alter Ego Tirana vom Bandformat entfernt hat, lässt sich auch Möstls Variante der Rockmusik nicht von analogen Reinheitsgeboten bremsen. Sein Projekt Mile Me Deaf tritt zwar live als traditionelle Band in Erscheinung, ansonsten arbeitet er aber genauso selbstverständlich mit elektronischen Mitteln wie ein Danceproduzent. In seinen Artworks und Sounds ästhetisiert Möstl bewusst grobe digitale Prozesse – das LoFi-Äquivalent seiner Generation zum Kassettenrauschen früherer Jahrgänge. Daher auch seine Affinität zu Blair Witch Project: „Dieser Film hat damals so gut wie alles verändert“, sagt Möstl, „Damit ist für mich quasi Indie und Undergroundkultur auf dem Bildschirm erschienen.“
Auf demselben Bildschirm nämlich, auf dem auch Möstls Musik entsteht. Denn wie sein Kurzfilm Durchgang demonstriert, ist alles, was Pop und Film im Zeitalter des Streaming überhaupt noch trennt, letztlich bloß eine Ebene in der zum Schneiden gebrauchten Software.

(Robert Rotifer)