Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Johnny Silver – Superposition

David Reumüller: Johnny Silver – Superposition

 

Neue Galerie Graz, studio
Joanneumsviertel, Zugang Kalchberggasse, 8010 Graz, Austria
Eröffnung: 24. März, 19.00 Uhr
Performance: Johannes Silberschneider
Ausstellungsdauer: 25. März – 15. Mai 2017

Seit jeher ist Pop das leichtfüßige Spiel mit Identität und Codes eingeschrieben. Was allen voran David Bowie perfektionierte, findet in Popstars wie Lady Gaga seine zeitgemäße Entsprechung. Die Ausstellung „David Reumüller: Johnny Silver – Superposition“ beschäftigt sich mit der Identitätskonstruktion im Pop. Ausgangspunkt ist das Alter Ego des Schauspielers und Diagonale-Preisträgers Johannes Silberschneider: Johnny Silver.

Lady Gaga bringt es auf den Punkt: „I’m not real. I am theatre.“ Damit beschreibt sie einen Allgemeinzustand, der sich nicht beschränken lässt, sondern die Gesellschaft im Allgemeinen betrifft. Die Imagebildung des Einzelnen war niemals wichtiger und vielschichtiger als heute. In ewiger Jugend verharrend und scheinbar frustrationsfrei wird jeder sein eigener Superstar.

Johnny Silver, Johannes Silberschneider und David Reumüller sind lebende Zeugen dieser Entwicklung. Eine jahrzehntelange Ich-Bildung hat zur Entstehung eines zeitlich in den 1950er-Jahren verorteten imaginären Kosmos geführt, der sich rund um eine durchaus real existierende Figur rankt. Der „Superstar“ wird zum Kristallisationspunkt des individuellen Begehrens. Es sind Bilder, Gegenstände, Performances und die Berichte davon, die eine Lebensrealität erzeugen, die von der tatsächlichen Wirklichkeit kaum zu trennen ist.

Vor der digitalen Kulisse wird die reale Fan-Welt vom Imaginären erfasst und erweitert. Was sich in den frühen 1960er-Jahren durch Magazine wie „BRAVO“ und Devotionalien wie E-Gitarren und zeitgemäße Kleidung entlang einer durchaus üblichen Fankultur zu entwickeln begann, mündet im digitalen Zeitalter in eine globale Erzählung, die Johnny Silver zum Mysterium stilisiert – ein weiterer Sugar Man oder Charles Bradley? Haben wir da einen vergessen? Das kann nachgeholt werden – ein Museum, Tonträger, Plakate und vor allem Fotos sind reichlich vorhanden.

David Reumüller bündelt in seiner Arbeit die Versatzstücke gleichsam zu einer sozialen Skulptur. Er arbeitet nicht an der Wiederbelebung einer vergessenen Musikerkarriere. Dem digitalen Bewusstsein folgend organisiert er das Vorhandene und treibt die Inszenierung damit weiter. Das Leben als monumentale Aufführung, als Rollenspiel. Was Shakespeare begonnen hat und Lady Gaga in unserer Zeit umsetzt, wird von David Reumüller dekonstruiert. Die Dekonstruktion trägt aber gleichzeitig auch zur Verdichtung der Elemente bei und lässt uns in Bezug auf Johnny Silver weiter mutmaßen. Das Einlösen des medial Versprochenen wäre kontraproduktiv. Das Spekulieren darüber scheint der wesentlichere Aspekt des Ganzen zu sein. Der Imaginationsraum ist der eigentliche Schauplatz der Realität.

(Günther Holler-Schuster)

Universalmuseum Joanneum in Kooperation mit der Diagonale