Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

Filmprogramm | Spielplan | Regisseur/innen


Samstag, 17.03.
18:30 Uhr, Rechbauer

Aus der Sicht von Teenagern stellt sich Provinz in besonderer Weise als langweiliger, rückständiger Lebensraum dar, der zu eng, zu klein, zu unmodern ist und überwunden werden muss. Veränderung ist: eine brennende Schwimmhalle, die Action verspricht, Rausch und Hormone, die es ermöglichen, die Provinz auszublenden, oder der Ausbruch aus jenen Strukturen, die man als provinziell betrachtet.

Einer der wenigen von einem Jugendlichen gedrehten Amateurfilme in der Sammlung des Österreichischen Filmmuseums gibt fragmentarische Einblicke in den provinziellen Teenageralltag in Norwegen: Statt in Bars trifft man sich im Keller zum Trinken und Kartenspielen, spät nachts liest man situationistische Philosophen auf dem Bett, und alle sind dankbar, wenn einmal wirklich was passiert: Hurra, die Schwimmhalle brennt!
In Florian Pochlatkos Erdbeerland ist der Schauplatz nicht weiter benannt, gezeichnet wird eher ein paradigmatisches Teenagerleben auf dem Land aus der Perspektive eines Buben: Das Leben findet hier unter dem Radar der Eltern statt, zum Kiffen fährt man mit dem Moped in das nahe gelegene Waldstück samt leer stehender Ruine, und alle popkulturellen Konsumgüter schreien nach großer, weiter Welt: nach dem dystopisch-modernen Tokio aus der Akira-Saga, dem toughen Straßenleben Chicagos, dem Lärm des Death Metal. Für einen Film, der wie wenige andere in den letzten Jahren wirklich nah an den Lebenswelten junger Menschen dran ist, dessen Kamera sich fast schon anfühlt wie die Verlängerung dieser überenergetisierten, hormongesteuerten Körper, ist es nur konsequent, nicht zu zeigen, was keine Relevanz hat: Die Provinz selbst wird hier fast kaum sichtbar, weil sie für die Teenager keine Rolle spielt, ausgeblendet werden muss, um sich selbst zu suggerieren, man sei woanders und gerade nicht hier. „Boredom“ steht am Ende auf dem T-Shirt der Hauptfigur, die nach dem Mopedunfall reglos, aber wohlauf in einem Feld im Nirgendwo liegt. Schlussendlich wird sie von dem Stadtindianer Waterloo gefunden, der mit seiner Nähe zur FPÖ ideologisch zutiefst provinziell denkt, sich auf Puls 4 als naturnaher Hundefreund inszeniert und doch auf der Lederjacke das Abzeichen der Santa Rosa Police trägt.
Auch Jessica Hausners Lovely Rita verrät nie ganz, wo seine Protagonistin lebt: Zur Schule muss man länger mit dem Bus fahren, in die Innenstadt ein ganzes Stück mit der Bahn. Entscheidend ist die provinzielle Stimmung, die Rita umgibt und sich am Ende kathartisch entlädt. Die Provinz ist hier vielleicht auch nur der Stadtrand Wiens oder ein angrenzendes Dorf, wo die Mittelklasse sich gerade noch ein Einfamilienhaus leisten kann, das Kind auch 2001 noch auf eine erzkatholische Schule schickt und im eigenen Keller schießen übt, um im Schützenverein besser dazustehen. Derweil macht die Frau das Essen, und anschließend plärrt man notgedrungen gemeinsam zum väterlichen Klavierspiel. Nichts verheißt hier Modernität, die Tapeten zeigen entfernt verblichene Muster der 1970er-Jahre, die Türgriffe sind altertümlich geschwungen, der Putz ist grau und scharfkantig. Mit Musik und Alkoholpralinen versuchen die jungen Menschen hier, sich das Leben schön zu machen, und treffen am Ende doch auf eine zu rigide, althergebrachte Engstirnigkeit, die vor allem Mädchen ein enges Korsett umschnallt: Rita ist einfach nicht brav genug, und sobald sie sexuell aktiv wird, muss sie – ganz wie im Mittelalter – von allen Seiten dafür bestraft werden. Der endgültige Ausbruch führt in die Stadt, in ein Café und ein Hotel, und am Ende doch zurück in das Einfamilienhaus, wo die automatische Lichtschaltung eine bessere Zukunft verspricht.
(Katalogtext, Alejandro Bachmann)