Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Filmprogramm | Spielplan | Regisseur/innen


Mittwoch, 29.03.
18:30 Uhr, KIZ Royal
Samstag, 01.04.
13:30 Uhr, UCI Annenhof Saal 5

Ein Deutsches Leben

Dokumentarfilm, AT 2016, 113 min, OmeU

Über die Verführungskunst der Macht und die Machtlosigkeit der Verführten. Als junge Frau war Brunhilde Pomsel die Sekretärin von Joseph Goebbels. In Ein Deutsches Leben spricht die 103-Jährige über ihren Alltag im engsten Zirkel des nationalsozialistischen Hetzers und über eine Gesellschaft, deren Ignoranz und gefährlicher Egoismus eines der furchtbarsten Kapitel der Menschheitsgeschichte eingeleitet haben. Ein eindringlicher Film, der gegenwärtig allzu relevant erscheint.

Jede Falte, jeder Augenblick, jedes Lachen und jedes nachdenkliche Schweigen spricht Bände. Der/die Zuschauer/in kann sich den einprägsamen Zügen und der sprechenden Mimik Brunhilde Pomsels, deren Gesicht in schwarz-weißen Großaufnahmen zu sehen ist, nicht entziehen. Pomsel war Goebbels’ Sekretärin und erzählt hier ihre Geschichte – die Geschichte einer Mitläuferin als Sinnbild einer Gesellschaft, die durch Ignoranz und Egoismus das NS-System getragen und erst ermöglicht hat.
Sie selbst bezeichnet sich als unpolitisch, und doch ist die kürzlich verstorbene Brunhilde Pomsel vielleicht die wichtigste Zeugin der innersten Machtgeflechte des Nationalsozialismus: Pomsel ist 103 Jahre alt, als das vierköpfige Regieteam ihre Erinnerungen an das Leben im nationalsozialistischen Berlin dokumentiert. Durch Zufall ist sie als junge Frau bei Goebbels gelandet – Zufall und egoistischer Ehrgeiz waren es auch, die sie bis zum Kriegsende im Machtzentrum verharren ließen.
Pomsels Erzählungen werden durch sorgfältig ausgewähltes Archivmaterial sowie durch Zitate von Goebbels ergänzt. Die Interviewsequenzen zeigen die alte Frau verletzlich und stark zugleich, ihr faltiges Gesicht, in das sich ein ganzes Jahrhundert Geschichte eingeschrieben hat, brennt sich in das Gedächtnis und lässt die Zuschauer/innen noch lange danach grübeln: Wie hätte ich mich in ihrer Situation verhalten?
Ein Deutsches Leben möchte seine Protagonistin nicht verurteilen. Dennoch liegt über allem die Frage nach persönlicher Schuld, nach der leider allzu menschlichen Art zu handeln und mitzumachen, ohne zu reflektieren.
(Katalogtext, cw)

Dieser Film belegt, dass Krieg und Gewaltherrschaft nicht aus dem Nichts kommen, dass ein gesellschaftliches Klima sehr schnell kippen kann, dass das vermeintlich Böse nicht immer gleich erkennbar ist und dass man seine eigenen moralischen Positionen immer wieder hinterfragen muss. Der Film birgt die einzigartige Chance, eine Augenzeugin zu porträtieren, die im Zentrum des nationalsozialistischen Machtapparats tätig war und deren Handeln oder „Nichthandeln“ für unsere gegenwärtige Gesellschaft – für uns alle – Spiegel und Warnung sein kann.
(Regiestatement)

Talk
Ergänzend zum Screening und der zugehörigen Buchpublikation von Thore D. Hansen findet am Samstag, den 1. April um 11.00 Uhr im Forum Stadtpark, Graz, eine Gesprächsmatinee statt. 

ein-deutsches-leben.com
blackboxfilm.at

Regie: Christian Krönes, Florian Weigensamer, Roland Schrotthofer, Olaf S. Müller
Buch: Florian Weigensamer
Kamera: Frank van Vught
Schnitt: Christian Kermer
Ton: Micha Müller, Franziska Pallaske
Sounddesign: heimwerk.audio: Jürgen Kloihofer, Felix Sturmberger
Weitere Credits:
Visual Director: Christian Kermer
Produzent/innen: Christian Krönes, Roland Schrottofer
Produktion: Blackbox Film & Medienproduktion