Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

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Donnerstag, 10.03.
16:00 Uhr, Rechbauer

Professor Mamlock

Spielfilm, DDR 1961, 100 min

Obwohl sich für Professor Mamlock, den Chefarzt einer chirurgischen Klinik, das Leben nach der Machtergreifung Hitlers spürbar ändert, will er es zunächst nicht wahrhaben. Seinem Sohn, der im Widerstand engagiert ist, weist er die Tür. Dass seine Tochter als Jüdin vom Gymnasium verwiesen wird, will er nicht glauben. Er selbst kann zwar noch arbeiten, muss aber unter Druck andere jüdische Kollegen entlassen. Als ein Nazi kommissarischer Leiter des Spitals wird und er mit der Aufschrift „Jude“ auf dem Arztkittel durch die Straße Spießrutenlaufen muss, sieht er keinen Ausweg mehr.

Hans Mamlock, eminenter Chirurg und Chefarzt einer deutschen Klinik, adressiert das Publikum mit direktem Blick in die Kamera: „Du bist voller Sorge: Wird es nach dem letzten Völkermord noch einmal Krieg geben? Du ängstigst dich um deinen Sohn, deine Tochter, deinen Mann. Sind unsere Hoffnungen und Pläne nicht auf Sand gebaut? Ist in dem lärmenden Vorwärtsstürmen der Welt noch Platz für Güte und Menschlichkeit, Demokratie und Freiheit, Geist und Harmonie? Du willst nicht wahrhaben, dass du nachts aufwachst und in die Dunkelheit starrst.“
Es ist der Silvesterabend des Jahres 1932. Professor Mamlock, seine Frau und die gemeinsame Tochter Ruth begrüßen mit Freunden, Sektflöten und Walzerklängen das neue Jahr. Rolf, der Sohn des Hauses, und ein paar Genossen prügeln sich in den Straßen mit Nationalsozialisten. Der grundlegende Konflikt – bürgerlicher Illusionismus versus politische Hellsichtigkeit –, der die Familie spaltet und zum Bruch zwischen Vater und Sohn führen wird, ist somit schon zu Beginn etabliert.
Mamlock senior, ein Veteran des Ersten Weltkriegs, der vor Verdun gelegen hat, versteht die Zeichen der neuen Zeit nicht zu deuten. Selbst nach der Machtübernahme Hitlers im März 1933 hält er naiv an seinem Glauben an den Staat und die hehren Ideale seines Berufsstands fest. Er deckt zwar einen verwundeten Kommunisten, indem er ihn medizinisch versorgt, doch Verständnis für den Kampfgefährten seines Sohnes hat er keines. Er erklärt, Politik sei uninteressant – „im Operationssaal brauche ich keimfreie Luft“. Mamlocks alte Freunde, allen voran Zeitungsherausgeber Seidel, erweisen sich als Opportunisten; Tochter Ruth wird von ihren Klassenkamerad/ innen verhöhnt und des Gymnasiums verwiesen. Doch erst als Dr. Hellpach, ein Parteigenosse der ersten Stunde, als kommissarischer Leiter in SA-Stiefeln die Klinik übernimmt und Mamlock mit einem Schild mit der Aufschrift „Jude“ durch die Straßen geführt wird, bricht sein Glaube an Recht und Ordnung, mithin auch sein Glaube an Deutschland, zusammen.
Professor Mamlock basiert auf dem gleichnamigen Stück des Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf, das dieser unter dem Eindruck des Reichstagsbrandes 1933 in Frankreich schrieb, der ersten Station seines Exils. Die vorliegende Adaption durch seinen Sohn Konrad Wolf hält sich näher ans Original als die Erstverfilmung des Stoffs von Herbert Rappaport und Adolf Minkin in der Sowjetunion 1938. Stand damals noch die Notwendigkeit des Kampfs gegen den Faschismus im Mittelpunkt, so geht es Wolf laut eigener Aussage vor allem um die nach wie vor aktuelle „Tragödie des deutschen Intellektuellen“: „Die Mamlocks leben und wünschen keine Veränderung in der Welt. Für diese ,sehenden‘ Blinden war unser Film gedacht.“
Ulrich Gregor befand in der Münchner „Filmkritik“, Professor Mamlock besitze die „Abstraktion einer Lektion“. Doch bei allem Text findet der Film auch viele starke Bilder – besonders eindrucksmächtig: die Mehrfachbelichtungen zur Visualisierung innerer Vorgänge. Dazu kommt das ausdrucksstarke Spiel von Wolfgang Heinz in der Titelrolle. In dessen Gestaltung, so Manfred Jelenski von der „Deutschen Filmkunst“, vereinen sich die „Erfahrungen eines Künstlers, der aus seiner Wirkungsstätte 1933 aus den gleichen Gründen wie Mamlock vertrieben wurde, mit dem Wissen um die gesellschaftlichen Zusammenhänge“. Ein wahrer Meilenstein der DEFA-Filmgeschichte.
(Michael Omasta)

In Kooperation mit der DEFA-Stiftung  

Regie: Konrad Wolf
Buch: Karl Georg Egel, Konrad Wolf nach dem gleichnamigen Drama von Friedrich Wolf
Darsteller/innen: Abeßer, Doris (Ruth Mamlock) Burg, Ursula (Ellen Mamlock) Grabbert, Günther (Simon) Grosse, Herwart (Oberarzt Dr. Carlsen) Halgardt, Harald (Dr. Hellpach) Heinz, Wolfgang (Prof. Mamlock) Jung-Alsen, Kurt (Bankier Schneider) Kraus, Agnes (Schwester Hedwig) Krug, Manfred (SA-Sturmbannführer) Kutschera, Franz (Dr. Werner Seidel) Naumann, Günter (Kurt Walter) Sturm, Peter (Dr. Hirsch) Tempelhof, Lissy (Dr. Inge Ruoff) Thate, Hilmar (Rolf Mamlock) Thein, Ulrich (Ernst)
Kamera: Werner Bergmann
Schnitt: Christa Wernicke
Ton: Gerhard Wiek
Musik: Hans-Dieter Hosalla, Ludwig van Beethoven, (9. Sinfonie)
Szenenbild: Harald Horn
Kostüm: Werner Bergemann
Weitere Credits: Dramaturgie: Willi Brückner
Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Künstlerische Arbeitsgruppe Heinrich Greif