Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Wo ich wohne. Ein Film für Ilse Aichinger
Dokumentarfilm, AT 2013, Farbe+SW, 87 min.
Diagonale 2014

Regie, Buch: Christine Nagel
Darsteller/innen: mit: Verena Lercher, David Monteiro, Moritz Uhl
Kamera: Isabelle Casez, Helmut Wimmer
Schnitt: Niki Mossböck
Originalton: Bruno Pisek, Tong Zhang, Ludovic Lasserre, Christine Nagel
Musik: Gerd Bessler
Sounddesign: Christofer Frank
Szenenbild: Katrin Huber
Weitere Credits: Regieassistenz: Silvia Pernegger
Produzent/innen: Kurt Mayer
Produktion: kurt mayer film

 

Verlesene Prosa, Geschichte und Geschichten verdichten sich zu einem fragmentarischen Erinnerungsbild, das Christine Nagel durch Wien flanierend auf poetische Weise mit dem Stadtraum verwebt. Aus diesem und Ilse Aichingers selbst fotografierten Super-8-Aufnahmen sowie Spielszenen, die dem Befremden der Protagonistin aus deren titelgebender Kurzgeschichte nachspüren, entsteht das formal diverse Porträt einer Autorin, deren Werk in seiner existenziellen Dimension zeitlos ist.

www.kurtmayerfilm.com

Filmgespräch mit: Christine Nagel

Katalogtext Diagonale 2014:
„Ich wohne seit gestern einen Stock tiefer“, heißt es in Ilse Aichingers titelgebender Kurzgeschichte. Die Erzählerin sieht sich darin mit der sukzessiven Verlagerung ihres Wohnraums vom vierten Stock hinab in den Keller konfrontiert – eine Verschiebung von Realität, die scheinbar nur von ihr wahrgenommen wird und sie zunehmend von ihrer Umwelt isoliert. Aichinger selbst war nach Hitlers Einmarsch in Wien omnipräsenter Bedrohung ausgesetzt, fühlte sich entfremdet. Während die Zwillingsschwester nach London flüchten konnte, blieb sie mit ihrer jüdischen Mutter zurück. Noch 1945 beschreibt sie die einst geliebte Heimat als „eine Stadt ohne Charme, ohne Licht und ohne Zauber“, aus der man fliehen müsse, um sie lieb zu behalten.

Mit der Kamera flaniert Christine Nagel durch das heutige Wien – durch Aichingers Wien –, verquickt Leben, Werk und Leidenschaft der mittlerweile 90-jährigen Autorin in einem formal diversen Porträt aus dokumentarischen und fiktiven Versatzstücken: In schwarz-weißen Spielszenen durchlebt eine junge Protagonistin das Befremden der Figur aus „Wo ich wohne“, einzelne Motive werden extrahiert und in den Stadtraum überführt. Dazu mischen sich Super-8-Aufnahmen, die Aichinger in den 1960er- und 1970er-Jahren fotografierte – der Zwillingsschwester ergänzt. Verlesene Prosa, Geschichte und Geschichten verdichten sich zu einem fragmentarischen Erinnerungsbild, das schlussendlich seinen Weg ins Kino – Aichingers großen Sehnsuchtsraum – findet: Auf der Leinwand des Österreichischen Filmmuseums erstrahlen die Spielszenen aus Aichingers Kurzgeschichte. Die Autorin ist angekommen. Zu Hause. In Wien. Im Kino. (red)

Der projizierte Film kann den Zeitverlauf „stillstellen“ und Vergangenes immer wieder von Neuem vergegenwärtigen. Diesen Ansatz verfolge ich in meinem Film – er ist eine Annäherung
an das Werk Ilse Aichingers, die immer nur lückenhaft und fragmentarisch sein kann. Es bleibt den Zuschauer/innen überlassen, in das Werk weiter vorzudringen durch eigene Lektüre und Beschäftigung. Der Film verführt auf sinnliche Weise, sich auf das Werk von Ilse Aichinger einzulassen, welches, trotzdem es in seiner Einzigartigkeit für das 20. Jahrhundert steht, in seiner existenziellen Dimension zeitlos ist. (Christine Nagel)