Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Shops Around the Corner
Dokumentarfilm, AT 2016, Farbe, 70 min., OmdU
Diagonale 2016

Regie, Buch, Originalton: Jörg Kalt
Kamera: Eva Testor
Schnitt: Nina Kusturica
Sounddesign: Andi Pils
Weitere Credits: Fertigstellung: Nina Kusturica Postproduktion: Stefan Fauland Grading: Tom Varga Artwork: Marco Antoniazzi Produktionsbüro: Susanna Wiedermann
Produzent/innen: Nina Kusturica
Produktion: Nina Kusturica Projects

 

Aus Jörg Kalts und Eva Testors 1998 in New York gedrehtem Material gestaltete Nina Kusturica ein außergewöhnliches Porträt über das – durch die Expansion Chinatowns im Umbruch befindliche – Viertel Little Italy. Was als touristische Erkundung eines Straßenzugs beginnt und den Zuschauer/innen die typischen New-York-Bilder aus der Perspektive ortsfremder Besucher/ innen vor Augen führt, entwickelt sich zur vielschichtigen Betrachtung einer immer vertrauter werdenden neighbourhood.

1998 reiste der Journalist und Filmemacher Jörg Kalt mit der Kamerafrau Eva Testor nach New York, um einen Dokumentarfilm zu drehen. Ihre Suche nach einem geeigneten Sujet endete in Lower Manhattan an der Kreuzung Mulberry Street und Grand Street, der Schnittstelle zwischen Little Italy und Chinatown. Das Material, das innerhalb einer Woche aufgenommen wurde, bearbeitete Jörg Kalt jedoch nicht mehr weiter – nach 9/11 zweifelte er an der Möglichkeit, dass es je wieder einen angemessenen Film über diese Stadt geben könne. 2007, kurz vor seinem Tod, übergab er das Rohmaterial der befreundeten Filmemacherin Nina Kusturica mit der Bitte, den Film fertigzustellen – beinahe eine Dekade später löst diese ihr Versprechen ein.
Shops Around the Corner ist das Ergebnis dieser kollektiven Arbeit: das außergewöhnliche Porträt eines Stadtviertels im Umbruch, das über dessen Geschäfte, Lokale und Bewohner/innen erzählt wird. Was als touristische Erkundung eines Straßenzugs beginnt und den Zuschauer/innen die typischen New-York-Bilder aus der Perspektive staunender, ortsfremder Besucher/innen vor Augen führt, entwickelt sich zur Betrachtung einer immer vertrauter werdenden neighbourhood. Das Set des Regisseurs ist das Zuhause seiner italoamerikanischen Protagonist/ innen, die er wiederholt in ihren Läden besucht, um mit ihnen über ihr Herkunftsland, Katholizismus, Zusammenhalt, Hierarchien im Viertel und die Veränderungen durch die Expansion Chinatowns zu sprechen.
Es mag an den Manierismen der Personen und den stilechten Einrichtungen der Geschäfte liegen, die sofort Filmbilder von Martin Scorsese, Brian de Palma oder Francis Ford Coppola sowie Assoziationen zur populärkulturellen Mafia-Verklärung wachrufen. Das wirklich Schöne an Shops Around the Corner jedoch ist, nicht nur einem Dokument, sondern zugleich einer abenteuerhaft aufregenden Welt zu begegnen. Eben weil wir diese Figuren und ihre Welt kennen und ihnen doch anders nahekommen als ihren fiktiven Doppelgänger/innen, erzeugt der Film ein Gefühl, das seinem zentralen Thema entspricht: daheim zu sein, sich wohlzufühlen, zu wissen, wer man ist. Allmählich schrumpft die anonyme Millionenstadt auf einen familiären Mikrokosmos zusammen, und erst am Ende erinnert der Blick vom Dach eines Gebäudes auf das Panorama New Yorks mit seiner unverkennbaren Architektur wieder daran, in welcher Metropole man sich eigentlich befindet.
(Katalogtext, mk)

shopsaroundthecorner.net, nk-projects.com

Jörg Kalt ist mit seinem Film Crash Test Dummies in der Reihe „Zur Person: Gabriele Kranzelbinder“ vertreten.