Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

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Paradies: Liebe
Spielfilm, AT/DE/FR 2012, Farbe, 120 min.
Diagonale 2013

Regie: Ulrich Seidl
Buch: Ulrich Seidl, Veronika Franz
Darsteller/innen: Margarethe Tiesel, Peter Kazungu, Inge Maux, Dunja Sowinetz u.a.
Kamera: Wolfgang Thaler, Ed Lachman
Schnitt: Christof Schertenleib
Originalton: Ekkehart Baumung
Sounddesign: Matz Müller, Erik Mischijew
Szenenbild: Renate Martin, Andreas Donhauser
Kostüm: Tanja Hausner
Produzent/innen: Ulrich Seidl, Christine Ruppert, Philippe Bober
Produktion: Ulrich Seidl Film
Koproduktion: Tat Film, Parisienne de Production

 

Diagonale-Preis Filmdesign 2013
Bestes Szenenbild


Diagonale-Preis Bildgestaltung 2013
Beste Bildgestaltung Spielfilm


Teresa ist Mitte fünfzig, alleinerziehend, übergewichtig. Ihre Suche nach körperlicher Nähe und wahrer Liebe führt sie nach Kenia. Für die europäischen „Sugarmamas“ stehen hier die Einheimischen Schlange, das äußere Erscheinungsbild ist ihnen einerlei. Teresa genießt – zunächst naiv schamlos, alsbald vergrämt fordernd – und wird enttäuscht, immerzu. Sie beutet aus und wird ausgebeutet. Mit Liebe hat das alles wenig zu tun. Und auch das Paradies stellt man sich wohl anders vor.

Katalogtext Diagonale 2013:

Teresa ist Mitte fünfzig, Behindertenbetreuerin, alleinerziehend, übergewichtig. Die Suche nach körperlicher Nähe und die Hoffnung auf wahre Liebe führen sie nach Kenia. Hier scheint vieles möglich. Als Frau brauchst du dich hier nicht für die Männer zu verbiegen, schwärmt Teresas Freundin. Das habe sie ohnehin schon ihr ganzes Leben gemacht. Und tatsächlich: Die Beach Boys stehen Schlange. Lediglich eine dezente Absperrung und patrouillierende Uniformierte trennen die blassen europäischen Touristinnen von den durchtrainierten Einheimischen. Gegen Geld bieten Letztere den weißen „Sugar Mamas“ Armbänder und (körperliche) Liebe feil. Hakuna matata: Alles easy. Teresa lässt sich auf das Abenteuer ein – und wird nach einer ersten, nur vermeintlich sinnlichen Erfüllung enttäuscht. Eine Begegnung oder ein Austausch auf Augenhöhe scheint unter den gegebenen Vorzeichen kaum möglich, die Verheißung exotischer Freiheit bleibt eine trügerische. Immer tiefer verstrickt Ulrich Seidl seine Protagonist/innen in bisweilen tragikomische, qualvolle Ausbeutungsszenarien. Wer hier eigentlich wen ausbeutet, bleibt dabei uneindeutig – wie sich auch die ungeschönte Erzählweise Seidls der Eindeutigkeit widersetzt. Beständig wird die Fiktion auf ihren dokumentarischen Charakter zurückgeworfen und speist gerade daraus ihre Dringlichkeit. Wie selbstverständlich werden die daheim Ausgebeuteten selbst zu Ausbeutenden, bis sie in diesem ewigen Kreislauf wiederum zu Opfern ihrer eigenen Ausbeutung werden. Mit Liebe hat das alles wenig zu tun, und auch das Paradies stellt man sich wohl anders vor. (red)

„Das Problem ist nur, ich kenne sie nicht auseinander ... die schauen alle gleich aus.“ – „Du musst sie dir an der Größe merken. An der Größe kannst du sie am besten unterscheiden.“ (Filmzitat)

Es hat lange keinen Film mehr gegeben, der so grausam zu seiner Hauptfigur war, aber es ist die Grausamkeit der schonungslosen Ehrlichkeit, der absolut klaren Beschreibung eines Sachverhalts, von Altern, Ausbeutung, Einsamkeit. Seidl registriert unverwandt alles, die Klassenschranken, das nackte Fleisch, den stillen Schrecken im heiteren Paradies. (Hanns-Georg Rodek, welt.de)