Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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303
Spielfilm, DE 2018, Farbe, 145 min., OmeU
Diagonale 2019

Regie: Hans Weingartner
Buch: Hans Weingartner, Silke Eggert
Darsteller/innen: Mala Emde, Anton Spieker
Kamera: Mario Krause, Sebastian Lempe
Schnitt: Benjamin Kaubisch, Karen Kramatschek, Hans Weingartner
Originalton: Johannes Kaschek
Musik: Michael Regner
Sounddesign: Fabian Weigmann, Andre Zimmermann
Szenenbild: Ricarda Schwarz
Kostüm: Svenja Gassen
Weitere Credits: Maske: Heiko Schmidt, Janina Kuhlmann Casting: Lisa Stutzky, Uta Seibicke, Charlotte Roustang Mitarbeit am Drehbuch: Sergej Moya Produzent: Hans Weingartner Koproduzenten: Rainer Kölmel, Simon Amberger, Rafael Parente, Korbinian Dufter, Matthias Bahr, Christine Tschanett-Weingartner
Produzent/innen: Hans Weingartner, Rainer Kölmel, Simon Amberger, Rafael Parente, Korbinian Dufter, Matthias Bahr, Christine Tschanett-Weingartner
Produktion: kahuuna films GmbH
Koproduktion: Starhaus Filmproduktion GmbH (DE) NEUESUPER GmbH (DE)

 

Der Mensch ist egoistisch, kompetitiv und triebgesteuert – davon ist der 24-jährige Jan überzeugt. Als er nach Spanien reisen will, um seinen leiblichen Vater zu treffen, begegnet er zufällig der gleichaltrigen Jule, die in ihrem 303-Oldtimer-Wohnmobil unterwegs ist. Sie nimmt ihn mit – und das Glück nimmt seinen stolpernden Lauf. Ein hinreißendes Roadmovie wie eine Mischung aus Before Sunrise und Per Anhalter durch die Galaxis.

Regisseur Hans Weingartner war Wissenschaftler, bevor er Filmemacher wurde. Und als Richard Linklater in Wien Before Sunrise (1995) drehte, arbeitete Weingartner als Produktionsassistent mit. Nur folgerichtig also, dass Weingartners neuer Film zwei Menschen zusammenbringt, die sich über den intellektuellen Austausch ineinander verlieben. Jan (Anton Spieker) und Jule (Mala Emde, beide einnehmend natürlich) treffen einander zufällig, als Jan an einer Tankstelle nach einer Mitfahrgelegenheit in den Süden sucht. Er möchte seinen Vater in Spanien besuchen, den er noch nie gesehen hat. Jule ist in ihrem 303-Oldtimer-Wohnmobil unterwegs, ebenfalls spontan aufgebrochen an diesem ersten Sommerferientag, allerdings aus anderen Motiven: Sie ist ungeplant schwanger. Die Abtreibungspillen hat sie schon besorgt, aber sie will die Entscheidung mit ihrem Freund Alex persönlich besprechen, der für sein Doktorat gerade in Portugal lebt.
Jule nimmt Jan mit – doch trotz gegenseitiger Sympathie kollidieren die beiden beim Austausch über ihre Weltanschauungen beinahe im Sekundentakt. Jan ist überzeugt, der Mensch sei egoistisch, kompetitiv und triebgesteuert. Jule meint zu wissen: Die Menschheit eint der Kooperationswille, der Herdentrieb, die Fähigkeit, selbstlos – und selbstbestimmt – zu lieben.
Die wichtigsten Szenen dieses Films spielen im Cockpit des Wohnmobils. Dabei nimmt die Kamera stets nur Positionen ein, die auch ein/e Mitfahrende/ r einnehmen könnte. Allmählich entsteht dadurch ein Sog, als würde man sich losgelöst von Raum und Zeit bewegen. So falsch ist das für Jan und Jule vielleicht gar nicht: Je intensiver sie sich über die wichtigsten Themen des Lebens unterhalten (beginnen immer die „falschen“ Menschen Beziehungen, nur weil sie sich im Bett gut verstehen?), umso tiefer dringen sie in eine Sphäre vor, in der sie sich ganz unverstellt begegnen können. Kein Zufall ist es außerdem, dass Jan und Jule dieselben Namen tragen wie die beiden Liebenden in Weingartners größtem Erfolg Die fetten Jahre sind vorbei (2004). Jule trägt ihre Kapitalismuskritik offen nach außen, aber natürlich spürt auch Jan den Druck eines Systems, das man – das die beiden – ganz anders gestalten könnte/n.
(Katalogtext, az)

Mala Emde und Anton Spieker gelingt das Kunststück, die Dialoge, an denen Weingartner über Jahre hinweg gefeilt hat, so rauszuhauen, als seien sie ihnen gerade erst eingefallen. Im deutschen Kino sind Roadmovies eigentlich ja immer nur eine Behauptung. (…) Hier setzt 303 neue Maßstäbe, weil Weingartner versteht, dass Reisen eine Daseinsform ist, die Herz und Bewusstsein öffnet.
(Martin Schwickert, zeit.de)