Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Bewegungen eines nahen Bergs
Spielfilm, AT/FR 2019, Farbe, 85 min., OmeU
Diagonale 2019

Regie, Buch: Sebastian Brameshuber
Darsteller/innen: Clifford Agu Magnus Ogbonna
Kamera: Klemens Hufnagl
Schnitt: Dane Komljen, Sebastian Brameshuber
Originalton: Johannes Schmelzer-Ziringer
Sounddesign: Johannes Schmelzer-Ziringer
Weitere Credits: Künstlerische Mitarbeit: Bárbara Palomino-Ruiz Zusätzliche Kamera: Jenny Lou-Ziegel
Produzent/innen: Ralph Wieser, David Bohun, Sebastian Brameshuber
Produktion: Mischief Films - Verein zur Förderung des Dokumentarfilms & Co KG
Koproduktion: Panama Film Le Fresnoy (FR)

 

Einer Sage nach ist das Auffinden des Eisenvorkommens im Erzberg in der Obersteiermark einem Wassermann zu verdanken. Gefangen genommen von den Bewohnern des Umlandes, zeigte das Wesen den Männern im Tausch gegen die Freiheit den Erzberg – mit „Eisen für die Ewigkeit“, das der Region für mehrere Jahrhunderte Arbeit und Wohlstand brachte, bis der Eisenhandel mit dem Voranschreiten der Industrialisierung seinen Niedergang erlebte und zahlreiche leer stehende Werke hinterließ.
Unweit des Bergs, in einem abgelegenen Gebäude auf einem ehemaligen Industriegelände, türmen sich Stoßstangen, Auspuffanlagen und Autoreifen. In dieser Halle betreibt Cliff ein Exportgeschäft mit Gebrauchtwägen und Autoteilen zwischen Österreich und seiner alten Heimat Nigeria. In ruhigen, langen Einstellungen beobachtet die Kamera kräfteraubende Arbeitsroutinen auf dem Werkstattgelände: Stoßstangen werden abmontiert und durch den Raum gehievt, Motoren herausgehoben und ganze Autos auf die Seite gekippt, um die Unterseite der Karosserie zu zerlegen – ein Klackern und Klopfen, das rhythmisch durch den Raum hallt. Zwischen diesen körperlichen Anstrengungen wird verhandelt und gefeilscht: mit potenziellen Käufer/innen aus der Gegend oder konkurrierenden Händler/innen aus Osteuropa, die jene Autoteile erwerben wollen, die nicht für den immer schwieriger werdenden Handel mit Nigeria reserviert sind. Es ist ein Durchrechnen, ein Abwägen und ein Warten in dieser steirischen Abgeschiedenheit, in die sich der Fluch des Wassermanns und Erinnerungen an wohligere Tage eingeschrieben haben.
Sebastian Brameshuber setzt in einem Spiel aus Fiktion und Dokumentation feine künstlerische Interventionen, schiebt seine Beobachtungsstücke ineinander und lässt in der Ton-Bild-Montage die Zeit rätselhaft auseinanderfallen. So ist Bewegungen eines nahen Bergs ein Film mit sanfter Poesie über Vergänglichkeit, Einsamkeit und Verbundenheit, der auf ökonomische Umbrüche in einer kaum beachteten Arbeitswelt verweist.
(Katalogtext, jk)

Ich war fasziniert vom steten Tempo, in dem Cliff seine Arbeit verrichtet und sich durch den Raum bewegt. Auf mich wirkte es so, als wäre die Zeit in seiner Werkstatt seltsam greifbar, als ob seine Körperbewegungen auf einen leichten Widerstand stoßen würden, ähnlich wie dies unter Wasser der Fall wäre. Diese Eindrücke wurden durch sein Alleinsein verstärkt. Die gesamte Umgebung, voll von Spuren und Erinnerungen, ist von einer Vorahnung der Vergänglichkeit durchdrungen. Cliff führt ein Dasein am Rande des kapitalistischen Systems und des Welthandels, wo deren Widersprüche und Grenzen offensichtlich werden, wo jedoch die gewaltige Anziehungskraft, die ihr Zentrum ausübt, immer noch die vorherrschende Kraft ist.
(Sebastian Brameshuber)