Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Eine eiserne Kassette
Dokumentarfilm, AT/DE 2018, Farbe+SW, 102 min., OmeU
Diagonale 2019

Regie, Buch, Schnitt: Nils Olger
Kamera: Nils Olger, Juri Schaden, Thomas Marschall
Musik: Vinzenz Schwab
Produzent/innen: Nils Olger
Produktion: Nils Olger

 

Als sein Großvater verstirbt, findet Nils Olger in dessen Nachlass eine Rolle mit insgesamt 377 Fotografien, aufgenommen beim letzten Kriegseinsatz zwischen März 1944 und April 1945. Der Filmemacher folgt der Spur der Negative an die Orte ihrer Entstehung. Eine eiserne Kassette ist nicht nur die Aufarbeitung einer Familienbiografie, sondern thematisiert auch die Verdrängung österreichischer NS-Geschichte. Ein Film gegen das Schweigen und Vergessen.

Als Olaf Jürgenssen, der Großvater des Filmemachers Nils Olger, verstirbt, zeigt die Großmutter dem Enkel eine bisher im Wandschrank verwahrte eiserne Kassette mit Briefen, Ausweisen und ein paar Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg: „Da hast du nun all unsere Geheimnisse.“ Im Nachlass des Verstorbenen findet Olger eine Rolle mit unbeschrifteten Kleinbildnegativfilmen. Insgesamt 377 Fotografien sind es, aufgenommen beim letzten Kriegseinsatz des Großvaters zwischen März 1944 und April 1945. Um zu erfahren, was der Großvater nach dem Krieg im Verborgenen halten wollte, folgt Olger der Spur der Negative und begibt sich an die Orte ihrer Entstehung. Eine Reise, die ihn von Österreich nach Ungarn und Italien führt. Als Arzt der Aufklärungsabteilung der 16. SS-Panzergrenadier- Division „Reichsführer SS“ war der Großvater eingerückt. Jener Einheit, die die schlimmsten Kriegsverbrechen von NS-Truppen an der Zivilbevölkerung auf italienischem Boden verantwortete. Und jener Einheit des einstigen SS-Kommandeurs Walter Reder, der – verurteilt als Kriegsverbrecher vor einem Militärgericht in Bologna – unter skandalösen Umständen 1985 nach Österreich zurückkehrte und vom damaligen Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager mit einem Händedruck in Empfang genommen wurde.
Entlang der Fotografien gelingt es Nils Olger, den Weg seines Großvaters präzise und chronologisch nachzuzeichnen. Station für Station untersucht er die fotografischen Perspektiven und die gezeigten Motive: Landschaften, Gebäude, Bevölkerung und Kameraden. Als Stimme aus dem Off arbeitet der Filmemacher gegen die Leerstellen und Auslassungen seiner Familienbiografie an, die den stummen Bildern innewohnen. Mit penibel recherchierten Zahlen und Fakten setzt er die Momentaufnahmen in den Kontext der dahinterliegenden Schreckensgeschichte der NS-Einheit. Er spricht mit Menschen vor Ort – auch mit Zeitzeug/innen, die das mehrere Tage andauernde Massaker in Vinca im August 1944 überlebten. Ein Bild von Olaf Jürgenssen aus dieser Gegend zeigt die umliegende italienische Berglandschaft in erschütternd unberührter Idylle.
Wenige Jahre vor dem Tod des Großvaters, als die eiserne Kassette noch im Wandschrank lag, hatte sich der Filmemacher bereits für dessen Kriegsvergangenheit interessiert. Auszüge aus dem dabei entstandenen Videomaterial montiert Nils Olger in seinen Film: Ausweichend und lückenhaft beantwortete Jürgenssen damals die Fragen des Enkels. Eine eiserne Kassette ist nicht nur die Aufarbeitung einer persönlichen Familienbiografie, sondern thematisiert auch die Verdrängung österreichischer NS-Geschichte. Ein Film gegen das Schweigen und Vergessen – in der Vergangenheit wie in der Gegenwart.
(Katalogtext, jk)