Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Sie ist der andere Blick
Dokumentarfilm, AT 2018, Farbe+SW, 90 min., OmeU
Diagonale 2019

Regie, Buch, Kamera, Schnitt, Szenenbild: Christiana Perschon
Darsteller/innen: Renate Bertlmann, Linda Christanell, Iris Dostal, Lore Heuermann, Karin Mack, Margot Pilz
Sounddesign: Karim Weth
Weitere Credits: 2. Kamera Patrick Wally, Tonmischung Alexander Koller, Farbkorrektur Matthias Tomasi
Produzent/innen: Christiana Perschon
Produktion: Christiana Perschon

 

Mit ihrer Kunst traten die feministischen Künstlerinnen Renate Bertlmann, Karin Mack, Linda Christanell, Margot Pilz und Lore Heuermann dem männlichen Herrschaftsgefüge der 1970er-Jahre entgegen. Christiana Perschon lädt die Künstlerinnen, allesamt Teil der Wiener Avantgardeszene, in ihr Atelier und nähert sich ihnen und ihrem Schaffen mit der Kamera.

Mit Schwung zieht die Künstlerin Iris Dostal den Pinsel über die Leinwände, um die Flächen zu grundieren. Mit einer 16mm-Bolex-Kamera fängt die Filmemacherin Christiana Perschon die Bewegungen im Raum in stummen, zunächst körnigen Schwarz-Weiß-Bildern ein, während auf der Tonebene ein mehrstimmiger Dialog zu hören ist. Die Anfangssequenz ist programmatisch: Mit Sie ist der andere Blick lässt Christiana Perschon in ihrem Atelier einen audiovisuellen Denkraum entstehen, der sich aus einer Kollaboration mit mehreren Künstlerinnen zusammensetzt. Renate Bertlmann, Karin Mack, Linda Christanell, Margot Pilz und Lore Heuermann, allesamt Teil der Wiener Avantgardeszene und aktiv in der Frauenbewegung der 1970er-Jahre, erinnern sich an die Winkelzüge eines männlichen Herrschaftsgefüges, dem sie in ihren feministischen Arbeiten entgegentraten. Die Künstlerinnen schildern ihre damaligen und gegenwärtigen Erfahrungen und Lebenssituationen als Ehefrauen, Mütter oder Studentinnen: Triebfedern und Vorlagen für künstlerische Inhalte und Sichtweisen im Sinne einer Haltung, die das Private als politisch begreift.
Christiana Perschon gibt den Frauen nacheinander Raum, damalige Prozesse künstlerischer Selbstermächtigung zu reflektieren, die auf patriarchale Gesellschaftsstrukturen, Herabwürdigung weiblicher Kunst durch männliche Lehrmeister und ständige Bevormundung antworteten. Während die Künstlerinnen von ihren Ausgangspositionen zu Themen wie Sexualität, männliche Blickmuster oder Konstruiertheit von Rollenbildern erzählen, lotet die Kamera als dazwischengeschobene Apparatur feinsinnige Formen aus, die früheren Werke in filmische Bilder zu überführen und in Bewegung zu setzen. Eine Fotoserie von Renate Bertlmann wird an die Wand geworfen, das Licht des Diaprojektors aus unterschiedlichen Winkeln eingefangen. An einer Leine hängen ihre Objekte aus transformierten Schnullern wie flatternde Wäschestücke. Karin Macks Objektinstallation aus Haarnadeln, Bratenspießen und Nägeln wird in einer rotierenden Bewegung abgefilmt und mit einer Lupe vergrößert. Linda Christanell baut aus den Objets trouvés ihres Fundus assoziative Situationen. Kopfüber gefilmt verschieben sich die Perspektiven einer Performance von Margot Pilz in deren weißer Zelle. Und in einem Spiel wechselnder Einstellungen scheinen die Tuschezeichnungen von Lore Heuermann auf den dicht gehängten Papierbahnen miteinander zu interagieren.
Christiana Perschons Atelier wird in Sie ist der andere Blick zum konstellativen Arbeitsraum über künstlerische Strategien der Aneignung, die diesem wunderbar außergewöhnlichen Film selbst innewohnen.
(Katalogtext, jk)