Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Der Boden unter den Füßen
Spielfilm, AT 2019, Farbe, 108 min., OmeU
Diagonale 2019

Regie, Buch: Marie Kreutzer
Darsteller/innen: Valerie Pachner (Lola), Pia Hierzegger (Conny), Mavie Hörbiger (Elise), Michelle Barthel (Birgit), Marc Benjamin (Sebastian), Axel Sichrovsky (Herr Bacher), Dominic Marcus Singer (Jürgen), Meo Wulf (Clemens)
Kamera: Leena Koppe
Schnitt: Ulrike Kofler
Originalton: Odo Grötschnig
Musik: Kyrre Kvam
Sounddesign: Veronika Hlawatsch
Szenenbild: Martin Reiter
Kostüm: Monika Buttinger
Weitere Credits: Herstellungsleitung: Johanna Scherz Maskenbild Maike Heinlein Mischung: Bernhard Maisch Produktionsleitung: Gottlieb Pallendorf Casting: Rita Waszilovics Connys Gedichte: Doris Kreutzer
Produzent/innen: Alexander Glehr, Franz Novotny
Produktion: Novotny & Novotny Filmproduktion

 

Die Unternehmensberaterin Lola (Valerie Pachner) ist ständig unterwegs und hat ihr Privatleben ebenso fest im Griff wie ihre Karriere. Vermeintlich. Der Suizidversuch ihrer älteren Schwester Conny (Pia Hierzegger) bringt Lolas strukturiertes Leben ins Wanken. Mit Sensibilität lotet Marie Kreutzer die Grenzen zwischen Gesundheit und Krankheit, Eigeninteresse und Verantwortungsbewusstsein aus. Hastend zwischen Selbst-, Prozessund Profitoptimierung.

Im Unternehmensberater-Slang ist ein fortyeight eine 48-Stunden-Schicht. Und diese ist in der Branche durchaus keine Seltenheit. Um die Kund/ innen zufriedenzustellen, werden Nächte durchgearbeitet, sexistische Kommentare und aufputschende Präparate geschluckt. Auch Lola ist in dieser sterilen Welt zwischen Hotelzimmer und Flughafen, Prozessoptimierung und Telefonkonferenz zu Hause, in der Zahlen mehr Bedeutung eingeräumt wird als den eigenen Bedürfnissen. Sie ist erfolgreiche Unternehmensberaterin und ständig unterwegs zwischen Wien und den Firmen, die sie gerade umstrukturiert. Ihr Privatleben hat sie ebenso fest im Griff wie ihre Karriere. Mit Ende zwanzig steht sie kurz vor der Beförderung zur Partnerin. Ihre Beziehung zu Teamleiterin Elise hält sie geheim, auch von der Schizophrenie ihrer älteren Schwester Conny weiß ihre Umwelt nichts. Als diese nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie landet, gerät Lolas vermeintlich strukturiertes Leben ins Wanken. Wie sind die vielen Hilferufe einer Lebensmüden einzuordnen, die doch von Medikamenten sediert in der Klinik liegt? Lolas Geheimnis drängt ans Licht, und sie droht den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Marie Kreutzers grandios besetztes Drama zeigt zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die labile ältere Conny, gespielt von Pia Hierzegger, ist kaum noch imstande, ihre Wohnung zu verlassen. Ihr gegenüber steht Lola (einmal mehr großartig: Valerie Pachner), die hundert Stunden pro Woche arbeitet und dazu jeden Tag trainiert. Mavie Hörbiger in der Rolle der Chefin Elise komplettiert das starke Schauspielerinnenensemble. Unerbittlich geht sie mit ihren Mitarbeiter/innen um, versucht, Privates und Berufliches auf brutale Weise streng voneinander getrennt zu halten. Doch wer diktiert hier wessen Leben, und was bedeutet eigentlich leben? Wie weit liegen Burnout und Paranoia auseinander?
Mit großer Sensibilität lotet Kreutzer die Grenzen zwischen Gesundheit und Krankheit, Eigeninteresse und Verantwortungsbewusstsein aus. Mit Der Boden unter den Füßen schlägt die Regisseurin und Drehbuchautorin dabei einen neuen Ton in ihrem Werk an: einen ernsten, melancholischen, der der psychischen Verfasstheit eines Menschen in einer selbstausbeuterischen Welt gebührende Aufmerksamkeit zollt. Raffiniert und unvorhersehbar geht sie der ewigen Frage nach, wie viel Raum familiären Strukturen im eigenen Leben eingeräumt werden soll und muss, ohne die eigenen Bedürfnisse zu übergehen oder sich aus der Pflicht zu stehlen. Und huldigt dabei dem Kino, das wohl wie kein anderes Medium vermag, Realitäts- und Traum-/Wahnebenen zu verschieben, zu verkanten oder momenthaft aufzulösen. Hastend zwischen Selbst-, Prozess- und Profitoptimierung.
(Katalogtext, ast)