Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Erik & Erika
Spielfilm, AT/DE 2018, Farbe, 98 min., OmeU
Diagonale 2019

Regie: Reinhold Bilgeri
Buch: Dirk Kämper
Darsteller/innen: Markus Freistätter, Marianne Sägebrecht, Cornelius Obonya, Ulrike Beimpold, August Schmölzer, Rainer Wöss, Gerhard Liebmann, Birgit Melcher, Lili Epply
Kamera: Carsten Thiele
Schnitt: Karin Hartusch
Originalton: Roman Schwartz
Musik: Raimund Hepp
Sounddesign: Jochen Fenzl
Szenenbild: Bertram Reiter
Kostüm: Brigitta Fink
Produzent/innen: Tommy Pridnig, Peter Wirthensohn, Michael Souvignier, Till Derenbach
Produktion: Lotus-Film GmbH
Koproduktion: Zeitsprung Pictures GmbH (DE)

 

1966 beklatscht ganz Österreich die Weltmeisterin in der Damenabfahrt. 2014 sorgt dieselbe Person in der TV-Show Dancing Stars für ähnlichen Trubel – allerdings als Mann. Die unglaubliche Geschichte von Erik(a) Schinegger, die wahre Geschichte eines vermeintlich gebrochenen Menschen, der sich in einer stigmatisierenden und tabuisierenden Gesellschaft couragiert und selbstbewusst behaupten konnte.

1948 kommt in Kärnten ein Kind zur Welt und wird Erika getauft. Am elterlichen Hof hilft Erika früh mit; „wie ein Mädchen“ will sie sich aber nie verhalten: Sie fährt Traktor, repariert, was sie finden kann, und sobald etwas Schnee liegt, schraubt sie Bindungen auf passende Holzbretter und fährt Ski, wann immer sie kann. Schnell wird klar: Erika ist ein Ausnahmetalent. Der ÖSV nimmt sie unter seine Fittiche, und über Nacht wird sie zum Shootingstar. Bis eine medizinische Untersuchung vor den Olympischen Spielen in Grenoble 1968 ergibt: Erika Schinegger ist männlich. Der ÖSV drängt auf eine Anpassungsoperation, der Verdacht wird laut, Erik/a hätte absichtlich betrogen. Die Eltern geben keine Stütze – doch Erika entscheidet sich für die Operation.
Reinhold Bilgeri inszeniert die unglaubliche Geschichte des intersexuellen Skirennläufers Schinegger mit konsequentem Nachdruck auf die Hauptfigur. Darsteller Markus Freistätter kann ihre Ambivalenzen feinsinnig ausloten. Was der ÖSV als den „größten Skandal“ in seiner Geschichte beschrieb, hatte stets die Verleugnung des Menschen dahinter zur Folge. Bilgeri holt ihn nun adäquat ins Rampenlicht – und erweist ihm alle Ehre: Mit Fortschreiten des Films überhöht er Schinegger allmählich zum tapferen Superhelden des Skisports – und der Nation.
(Katalog, az)

Eine sehr österreichische Geschichte über Tabus und Verdrängung, Verlogenheit und Niedertracht, Siegeswillen und Erlösung, Triumph und Niederlage. (…) Ein Opfer ohne jede Schuld, von einer gnadenlosen Journaille über die Medienbühne geschleift – das ist eine Geschichte, die erzählt werden musste, und zwar auf großer Leinwand, um die Besudelung der Würde eines (…) stigmatisierten Menschen deutlich zu zeigen.
(Reinhold Bilgeri)

Der Film kommt gerade recht, einerseits zu den Siegen bei den Olympischen Spielen, andererseits zu den Vorwürfen von sexuellem und anderem Missbrauch im Österreichischen Skiverband. (…) Ein gelungener Film, der daran erinnert, wie sich in wenigen Jahrzehnten Liberalität und Toleranz weiterentwickelt haben.
(Barbara Petsch, Die Presse)

Stimmig ist Erik & Erika, wenn der Film jene Tabus abzirkelt, die Mitte der 1960er-Jahre noch nicht einmal Namen hatten. Kann eine Frau auch Mann sein? Was ist ein sexueller Übergriff? Wie weit dürfen Männer in ihren Vorurteilen gegen Frauen gehen? Darüber hat Erik & Erika einiges zu berichten.
(Wolfgang Paterno, profil.at)