Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Der Bauer zu Nathal
Dokumentarfilm, AT 2018, Farbe, 90 min., OmeU
Diagonale 2019

Regie: Matthias Greuling, David Baldinger
Buch: David Baldinger, Matthias Greuling
Kamera: Matthias Greuling
Schnitt: Matthias Greuling, David Baldinger
Produzent/innen: Matthias Greuling
Produktion: Matthias Greuling Filmproduktion
Koproduktion: Belvedere Film (US)

 

Im oberösterreichischen Ohlsdorf besaß Thomas Bernhard einen Vierkanthof. Das Verhältnis zwischen den Dorfbewohner/innen und ihrem prominententesten Mitbürger war ambivalent. Während dieser in seinen Texten immer wieder gegen die Provinz anschimpfte, lässt Der Bauer zu Nathal die Ohlsdorfer/ innen auf den Dichter blicken. Eine facettenreiche Auseinandersetzung mit Bernhards Rolle des Sonderlings und der komplexen Herausforderung, als kleine Gemeinde mit einem großen Vermächtnis umgehen zu müssen.

Der Bauer zu Nathal ist kein Film über Thomas Bernhard, so heißt es zu Beginn. Vielmehr interessiert sich dieser Dokumentarfilm für den Umgang mit dem Erbe des österreichischen Schriftstellers in der Gemeinde Ohlsdorf. Hier besaß Bernhard ab Mitte der 1960er-Jahre einen Vierkanthof – und obwohl er kaum dort wohnte, ist das Haus am Traunstein bis heute zentrale Gedenkstätte des verstorbenen Dramatikers. Matthias Greuling und David Baldinger, der im Nachbarhaus aufwuchs, spüren der zwiespältigen Denkweise der Dorfbewohner/innen über ihren berühmtesten Mitbürger nach, der eine beachtliche Karriere als Nestbeschmutzer Österreichs hinlegte und gleichermaßen gegen das Gehabe der Intellektuellen wie gegen die Provinz anschimpfte. Seine Hassliebe zum Land ließ ihn in seinen Texten immer wieder ein unerquickliches Bild vom Dorfleben zeichnen. Der Film dreht den Bernhard schen Spieß um: Josef Windischbauer, ein Landwirt und ehemaliger Totengräber, echauffierte sich kurz nach Bernhards Tod in einem ORF-Interview recht unverblümt über den Wirbel um dessen Beisetzung: „Der gehört hinter dem Misthaufen begraben!“ Über diese Archivaufnahmen schmunzelnd sitzt Windischbauer nun an seinem Küchentisch und trägt etwas befremdet eine Textstelle aus „Alte Meister“ vor, in der sich Bernhard Zeile für Zeile über die Stumpfsinnigkeit der Österreicher/innen auslässt. Josef Fürtbauer hingegen, der den Kirchenwirt in Ohlsdorf betreibt, zählt zu den wenigen Ortsansässigen, die sich schon früh zu Bernhard bekannten. Am Eingang seiner Gastwirtschaft hängt ein Bild des Dichters, der das Lokal häufig besuchte.
Über die beiden befreundeten Protagonisten Windischbauer und Fürtbauer veranschaulicht der Film die Gespaltenheit der Dorfgemeinde gegenüber Bernhard, doch auch andere Ohlsdorfer/innen und Bernhard-Kenner/innen, wie die Bürgermeisterin oder der Vorbesitzer des Anwesens, kommen zu Wort. Der Film verzichtet auf eine Annäherung an die Schriftstellerpersönlichkeit, betrachtet Bernhard konsequent aus der Außenperspektive und platziert selbst dessen Halbbruder Peter Fabjan während eines Interviews lediglich vor dem Eingang des Vierkanthofs, den Bernhard über Jahre hinweg hinter hohen Mauern eigens renoviert und als „Denk-Kerker“ bezeichnet hatte. In kurzen dazwischengeschobenen Sequenzen liest der Schauspieler Nicholas Ofczarek ausgewählte Passagen aus dem Werk Bernhards, einige reflektieren das Dorfleben. So ist Der Bauer zu Nathal nicht nur eine facettenreiche Auseinandersetzung mit Thomas Bernhards Rolle als Sonderling. Der Film erzählt auch von der komplexen Herausforderung, als kleine Gemeinde mit einem großen Vermächtnis umgehen zu müssen.
(Katalogtext, jk)