Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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WALDEN
Dokumentarfilm, CH 2018, Farbe, 106 min., ohne Dialog
Diagonale 2019

Regie, Buch: Daniel Zimmermann
Kamera: Gerald Kerkletz
Schnitt: Bernhard Braunstein
Originalton: Klaus Kellermann
Sounddesign: Karoline Heflin
Produzent/innen: Aline Schmid
Produktion: Beauvoir Films

 

13 präzis geführte Rundumschwenks begleiten eine im österreichischen Admont gefällte Tanne auf ihrem Weg in den brasilianischen Regenwald. Dabei durchläuft der Baum verschiedene Zustände – wird von der Pflanze zum Baustoff zum Produkt. Wird verladen, registriert und verzollt. WALDEN denkt über diese Prozesse und ihre Einbindung in globale Wirtschaftskreisläufe nach und versetzt unser Denken in eine Kreisbewegung.

Eine ruhige, lange, nicht enden wollende Kamerabewegung, ein Schwenk, irgendwo in einem Wald in Österreich. Im Vorbeiziehen sehen wir einen Waldarbeiter, lassen auch diesen in der Bewegung hinter uns, hören eine Motorsäge anspringen. Ein paar Schläge, ein Warnruf, während die Kamera von Gerald Kerkletz unbeirrt weiterschwenkt. Die Tanne fällt, lässt die umstehenden Bäume erzittern, schlägt mit gigantischer Wucht auf den Boden auf und damit wieder ins Bild hinein. In zwölf weiteren Schwenks verfolgen wir ihren Weg über Schnellstraßen und Grenzposten, an Verladestationen bis zum Hafen, von dort nach Brasilien, wo sie einen ähnlichen Weg in umgekehrter Richtung nimmt, um – mittlerweile zu Brettern verarbeitet – irgendwo im Urwald zu verschwinden.
Die den Film durchziehende Bewegung unseres Blicks – von links nach rechts – ruft die Leserichtung auf und suggeriert Fortschritt. Der aber verläuft sich immer wieder, weil er in einer Kreisbewegung mündet, die das immer Gleiche immer wieder zu sehen gibt. Dafür ermöglicht dieser formale rote Faden ein anderes Sehen, das kontemplativ, gleichmütig, nicht wertend erst einmal alles nebeneinanderstellt: die Natur und den Menschen, die Wälder und die Autobahnen, die Waren und die Grenzposten, die Indigenen in Brasilien und ihre Boote. Der Baum auf seinem Weg von einem Ende der Welt zum anderen durchläuft dabei verschiedene Zustände, wird von der Pflanze zum Baustoff zum Produkt und tritt damit ein in die Kreisläufe der Verarbeitung, des Handels, der Zölle, löst sich aus seinem ursprünglichen Zustand, um überzugehen in den ewigen – physischen wie symbolischen – Transit.
Die Reise, auf die der Schwenk den Baum mitnimmt, ist, so scheint es, eine ungewöhnliche. In der Logik von weltweitem Handel und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen denken wir üblicherweise an die entgegengesetzte Bewegungsrichtung: Die Natur wird andernorts abgebaut und ausgebeutet, in den westlichen Industriestaaten wird zumeist nur das fertige Produkt sichtbar. Wozu braucht man im brasilianischen Urwald Bretter aus österreichischem Tannenholz, fragt man sich – bis man beginnt, diese Frage umzudrehen und umzudrehen und umzudrehen, in einer nicht enden wollenden Kreisbewegung, zu der uns die Kamera eingeladen hat.
(Katalogtext, ab)