Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

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[Annonces pour exploitants 1917?]
Dokumentarfilm kurz, FR 1917, Farbe, 2 min., stumm
Diagonale 2018

Regie: Anonym Anonym

 

Anlässlich der Ausstellung „Was vom Kino übrig blieb“ – konzipiert von Norbert Pfaffenbichler und Sandro Droschl, zu sehen auch während des Festivals im Künstlerhaus – präsentiert die Diagonale ein von Olaf Möller kuratiertes begleitendes Kurzfilmprogramm mit wahren Filmraritäten von Linda Christanell, Athīná Rachīī´l Tsangárī, Ivan Ramljak u. a. Bei Über das Publikum. Ein Film/Radio Experiment von Manfred Schwaba wird der Ton zum Film über eine Radiosendung übertragen, die live zur Projektion des Films stattfindet. Dringende Empfehlung!

Anlässlich der Ausstellung „Was vom Kino übrig blieb“ – konzipiert von Norbert Pfaffenbichler und Sandro Droschl, zu sehen auch während des Festivals im Künstlerhaus – präsentiert die Diagonale’18 ein begleitendes Kurzfilmprogramm mit Arbeiten, in denen das Augenblicksgebundene, Vorläufige, Vergängliche dieser Kulturform und all ihres Beiwerks auf manchmal schwärmerische, manchmal ironische Weise sicht- wie greifbar wird.
Kino ist nicht nur der Film selbst, sondern das gesamte Drumherum, von den Bildwerfern über die Werbematerialien bis hin zu den Eintrittskarten und anderen Dingen, die man an der Kassa manchmal bekommt. Kino ist auch die Weiterverwertung des Materials an sich – früher wurde das Filmmaterial wiederverwertet, heute löscht man zwecks Neubespielung die Festplatten (wenn das Werk nicht gleich per Internet von Server zu Server gesendet wird). Ein Großteil dieses Programms dreht sich um all die Dinge, welche im Film sichtbar werden, uns Filme sehen lassen wollen, wie etwa jene Starpostkarte mit dem Abbild der jung verschiedenen Aline Carola in Linda Christanells nach ihr benanntem Kinotanz für Aug und Ohr.
Geklammert wird das Programm mit zwei Maschinenwerken: Der Forscher-Archivar Jean Vivié demonstriert das Funktionieren von Le Phénakistiscope de projection de J. Duboscq 1824– 1826,einer vorkinematografischen Bewegtbildapparatur, alldieweil in Athīná Rachīī´l Tsangárīs 24 Frames Per Century Projektoren sich in die Zukunft träumen: als in die Jahre gekommene Roboter. Bei [Annonces pour exploitants 1917?] handelt es sich um ein typisches Archivfundstück:eine Rolle mit verschiedenen Bewegttext- und -grafikverlautbarungen für ein französisches Kinopublikum des Kriegsjahres 1917; ob man diese Ankündigungen seinerzeit so zusammenmontiert hat, ob sie alle aus einem bestimmten Kino stammen – wer weiß? Das Kino produzierte aus seinem Alltag – wie auch der Menschen Nachlässigkeit – solche objets trouvés. [Trailer for The American Venus] wiederum ist eine Besonderheit, da Frank Tuttles Film mit Louise Brooks als verloren gilt – selbst vor Großproduktionen, Arbeiten mit künstlerisch-technischen Besonderheiten (hier: die Verwendung des Technicolor Process No. 2) macht der Zeitfraß keinen Halt, auch sie sind den schwundförderlichen Widrigkeiten der Geschichte ausgesetzt. Vom allzu menschlichen Schlendrian erzählt Huono filmi,eine kurios-süffisante Mixtur aus Kultur- und Experimentalfilm, in der der finnische Kameragroßmeister Felix Forsman dem geneigten Publikum zeigt, was beim Film alles danebengehen kann, was von Belichtungskatastrophen bis hin zu gaffenden Spaziergänger/ innen reicht; am Ende fliegt Film in den Müll. Womit man, in gewisser Hinsicht, beim Beginn von Tor-Ivan Odulfs TV-Produktion Filmsmälten wäre – nur dass es hier nicht ein paar Meter sind, die in ein Körbchen taumeln, sondern Hunderte, Tausende von Akten, die industriell entsorgt werden, um dann in einer Found-Footage-Apotheose aufzuerstehen. Was passiert schließlich mit Kinos, wenn sie keine Filme mehr zeigen? Das erfährt man im längsten Stück dieses Programms, Ivan Ramljaks Kino Otok, einer Reise von Insel zu Insel zu Gebäuden, die einst Kinos beherbergten und nun z. B. für Yogaunterricht verwendet werden – was ja auch, wie alle Leibesertüchtigungen, Bilder im Menschen aufsteigen lassen kann. Zum Auftakt, und deshalb hier am Ende, gibt es die Uraufführung von Über das Publikum. Ein Film/Radio Experiment, einer Kinoperformance, in welcher Filmkünstler/ innen darüber sprechen, was sie sich von Ihnen, geneigtes Publikum, wünschen – denn das Kino ist ja auch ein Ort der Wünsche.
(Katalogtext, Olaf Möller)