Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

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Gwendolyn
Dokumentarfilm, AT 2017, Farbe, 85 min., OmdU
Diagonale 2018

Regie, Buch: Ruth Kaaserer
Darsteller/innen: Gwendolyn Leick Charlemagne Kanon Patrick Atteridge Joseph Leick
Kamera: Serafin Spitzer
Schnitt: Joana Scrinzi
Originalton: Tong Zhang
Sounddesign: Tong Zhang
Weitere Credits: Tonmischung: Alexander Koller/The Grand Post Schnittassistenz: Lisa Geretschläger Compositing & Farbkorrektur: Matthias Halibrand Produktionsleitung: Stephan Podest
Produzent/innen: Jürgen Karasek, Filip Malinowski
Produktion: Soleil Film

 

Trotz einer Krebserkrankung und mehreren Operationen denkt die 65-jährige pensionierte Anthropologin Gwendolyn nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. Täglich trainiert sie für die europäischen Meisterschaften im Gewichtheben. Ruth Kaaserers empathischer Dokumentarfilm folgt einer facettenreichen, beeindruckenden und buchstäblich starken Persönlichkeit, die sich ihrer Krankheit und dem Alter mit Contenance und Humor stellt: Gewichtheben als Leidenschaft und Haltung zum Leben.

Ruth Kaaserers titelgebende Protagonistin Gwendolyn ist gebürtige Österreicherin und emigrierte in den 1970er-Jahren nach England. Inzwischen ist die 65-jährige promovierte Anthropologin pensioniert, doch trotz einer Krebserkrankung, die immer wieder kräfte- und nervenzehrende Operationen mit sich bringt, denkt Gwendolyn nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen, im Gegenteil: Täglich geht sie ins Gym – nicht etwa um den Körper zu straffen, sondern um für die europäischen Meisterschaften im Gewichtheben zu trainieren. Gwendolyn hat den Wettkampfsport erst mit 52 Jahren für sich entdeckt, seitdem aber zahlreiche internationale Titel gewonnen. Unter Anweisung ihres langjährigen Trainers Pat, der seinem Schützling spürbar freundschaftlich-fürsorgend zugewandt ist, stemmt die zarte Frau ausdauernd Kilos – trotz Anstrengung – mit leichtfüßiger Grazie. Voller Anmut und Stolz widersetzt sie sich dem Alter, trotz Schicksalsschlägen, die sichtbare Spuren hinterlassen haben, erweist sie sich als Kämpfernatur.
Nach ihrem Boxerinnenporträt Tough Cookies (2014) richtet die Filmemacherin Ruth Kaaserer ihren Blick erneut auf eine Frau, die einen männlich konnotierten Sport ausübt. Auch wenn die Rolle der athletischen Gewichtheberin einen zentralen Platz einnimmt, gibt der Film ebenso der emanzipierten Intellektuellen, der Mutter, der unabhängigen Ehefrau und der Großmutter Raum. Das Gewichtheben ist eine konkrete Leidenschaft Gwendolyns, es ist aber auch eine Metapher für eine Haltung zum Leben.
Gwendolyn erschließt sich nicht auf den ersten Blick, bleibt geheimnisvoll, ambivalent, im wahrsten Sinn des Wortes janusköpfig – aber der Film gibt dem Publikum genügend Zeit, sie in Ruhe zu studieren: ihr halbseitig gelähmtes Gesicht, in dem sich ein Lächeln nicht ohne Weiteres von den Lippen ablesen lässt, ihren feingliedrigen, aber zähen Körper, ihr stoisches Wesen. Von Wissensgier, Tatendrang, Lebenswille und Selbstkontrolle getrieben stellt sie sich nicht nur ihrer Krankheit, sondern auch dem Älterwerden – stets Contenance bewahrend und mit trockenem Humor.
Kaaserer verzichtet auf erklärendes Voice- over und Interviews. Serafin Spitzers Kamera bleibt auf beobachtender Distanz und erzeugt gerade dadurch Nähe zur Protagonistin, die in ihrem Alltag, zwischen Wohnung, Krankenhaus, Trainingshalle und Wettkampfbühne, vor allem aber in den intensiven und beeindruckend offenen Beziehungen zu den in ihrem Leben bedeutsamen Männern (ihrem Mann Charlie, ihrem Sohn Joseph und ihrem Trainer Pat) als fesselnde Frau und beeindruckend-facettenreiche Persönlichkeit erkennbar wird. Man möchte Gwendolyn aufrichtigen Respekt zollen. Das ist sowohl der Protagonistin selbst als auch dem Film geschuldet.
(Katalogtext, mk)