Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

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Innovatives Kino, AT 2017, Farbe+SW, 101 min.
Diagonale 2018

Regie, Buch, Schnitt: Johann Lurf
Sounddesign: Nils Kirchhoff
Produzent/innen: Johann Lurf

 

Leinwand frei für Sternenanbeter/innen! Johann Lurf sammelte aus nicht weniger als 553 Filmen alle „reinen“ Sternenhimmel und montierte sie chronologisch gereiht aneinander – von 1905 quer durchs All bis 2017. Das erstaunliche Resultat ist eine ungetrübte Searched-Footage-Doku mit verblüffendem Soundtrack – ein grandioser Sternenatlas der Filmgeschichte.

Das Prinzip dieses experimentellen Dokumen­tarfilms ist denkbar einfach wie romantisch zugleich: Finde in möglichst vielen Kinofilmen alle Sternenhimmel und montiere sie aneinander, in chronologischer Reihenfolge, der Ton ist dabei immer der Originalton zum jeweiligen Bild. Die Umsetzung der Idee erweist sich als umso aufwendiger: Acht Jahre lang begibt sich Johann Lurf auf eine intensive Expedition und formt einen überwältigenden Sternenatlas der Filmgeschichte (in der vorliegenden Fassung nicht weniger als 553 Filme – von Rêve à la lune (1905) bis Valerian and the City of a Thousand Planets (2017). Anfangs expandiert die Sternenschau langsam, im Lauf der Jahre zunehmend schneller. Immer mehr Hinweise auf Stern lmbilder langen ein, eine Daten­ bank wird angelegt, neue Ausschnitte schieben sich in die jeweils letzte Version, die Sternstunde wächst auf dreißig, sechzig, neunzig Minuten. Wann soll man enden? Bis ein Freund rät: Jetzt. Es wäre aber nicht Johann Lurf, würde er sich mit der erschöpfenden Sammlung eines Archivars scheinbar absichtslos begnügen. Im Gegenteil: Der bewusste Verzicht auf eine durch den Film führen­ de Handlung und das Fehlen jeder Erklärung des Gezeigten zwingen uns, ob wir wollen oder nicht, zu eigenen Assoziationen – Lurfs Sternensammlung avanciert im Kino zum regelrecht lustvollen Wahrneh­mungsexperiment. Ist zwischen manchen Schnitten nicht doch eine Struktur zu erkennen? War genau die­se Sternenkonstellation nicht schon zu einem frühe­ren Zeitpunkt zu sehen? Die Stimme kenne ich doch, ist das nicht aus dem Film, wie hieß er doch gleich? Man ahnt, dass hinter jedem einzelnen Aus­schnitt eine Geschichte oder Anekdote steckt, und Johann Lurf kann im Gespräch viel darüber erzählen. Überhaupt ist der Clou, dass fast alle Sternenhimmel im Kino künstlichen Ursprungs sind und dass sie es, sofern sie nicht im Planetarium abgefilmt wurden, mit der Astronomie nicht so genau nehmen. Und obwohl es im Weltall nichts zu hören gibt, begleitet den Film ein fulminanter Soundtrack, der historisch bedingt stumm beginnt, sich aber bald zu einer hin­reißenden Collage aus Sprache, Geräuschen und Musik entwickelt. Fast zu schnell endet der Film und lässt uns nochmals staunen, wenn zum minutenlangen Ab­spann die drehleierartigen Synthesizerklänge von Wendy Carlos die Raum­Zeit­Reise ins Endlose fort­ setzen.
(Katalog,mz)

Dies sind die raren Momente, in denen ein Kino­publikum mit dem Rücken zum Projektor tatsächlich Licht gegenübersitzt, das auf es zurückfällt: Unsere Augen sind die Leinwände für das Kino der stars.
(Daniel Kasman)