Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Kiss Daddy Good Night
Spielfilm, US 1987, Farbe, 82 min., OmdU
Diagonale 2017

Regie: Peter Ily Huemer
Buch: Michael Gabrieli, Peter Ily Huemer
Darsteller/innen: Uma Thurman, Paul Dillon, Paul Richards, Steve Buscemi
Kamera: Bobby Bukowski James D. Cooper
Schnitt: Ila von Hasperg
Sounddesign: Don King
Kostüm: Gerard Little, Royston Scott

 

Amerika – seine Musik, seine Coolness, seine Mythen – ist immer auch in österreichischen Filmen, die sich in die Gefilde der Popkultur vorwagen, spürbar. Einer, der diese metaphorische Sehnsuchtsbewegung in eine reale, tatsächliche umgesetzt hat, ist Peter Ily Huemer. In einer alten Garage in New Jersey findet er den richtigen Musikvideo-Look für das Presley-Cover All Shook Up, in einem düsteren New York der mittleren 1980er-Jahre schließlich das richtige Szenario für einen der unkonventionellsten Thriller der österreichischen Filmgeschichte. In einer Hauptrolle dieses wahren Pop-Juwels: die damals noch unbekannte Uma Thurman.

Lange Schatten auf kaltblauen Backsteinwänden, zuckende Körper im Lichtstakkato der nächtlichen Clubs, geisterhafte Gestalten, die unter grellgelben Neon-Billboards ins Kino schreiten: Laura – gespielt von Uma Thurman in ihrer ersten Langfilmrolle – ist selbst ein wenig eine Kinofigur, eine aus den späten 1940er-Jahren in die 1980er-Jahre hinübergeschwemmte Femme fatale, die die Männer um den Finger wickelt: ungewollt (und von ihr unbemerkt) im Falle ihres väterlichen Nachbarn William, gewollt bei den Opfern, die sie gezielt aussucht, verführt, betäubt und schließlich ausraubt. Als ihr Jugendfreund Sid (Paul Dillon) nach New York kommt, um dort eine Band zu gründen, fällt langsam die Fassade, wird der Raum für Identitäts- und Verkleidungsspiele enger. Bis der erste Mord passiert …
Kiss Daddy Good Night nutzt diesen Rahmen, um von etwas ganz anderem zu erzählen: Mäandernd, schlingernd, manchmal fast zum Stillstand kommend fängt der Film die Oberflächen und Atmosphären der Stadt und ihrer Kreaturen in diversen Situationen ein. Kommt Laura nachts nach Hause, wo rund um die Uhr Cartoons im Fernsehen laufen, gleitet die Kamera von ihren High Heels zum Fender-Gitarrencase zu einer Packung Marlboros. Steht sie morgens auf, trägt sie ein T-Shirt mit Roy-Lichtenstein-Aufdruck. Laura ist zu Hause in der Welt der Oberflächen, wird selbst eine davon, nutzt diese, um an Wertgegenstände zu kommen, die sonst außerhalb ihrer Möglichkeiten liegen. Nur auf den ersten Blick das Gegenstück: ihre Opfer – reiche weiße Männer, die teure Kunstgegenstände, Gemälde und Bücher in ihren privaten Wohnungen anhäufen und dennoch dahinter verschwinden, ganz genau wie die jüngere Generation hinter ihrer Lifestylekultur. Laura ist Grenzgängerin zwischen den Welten, steigt auf aus den Schatten und Spielen der Nacht und hinein in die Schutzräume jener, die Geld, Status, aber selten Charakter haben.
Es zeichnet Kiss Daddy Good Night aus, dass Huemer diese Dichotomie nicht überspitzt, sie eher ineinander verlaufen lässt. Nicht zuletzt daher rührt die drückende, düs­­­­­­tere Stimmung, die den Film umschließt und die jede einzelne seiner driftenden, ziellosen Figuren gefangen genommen zu haben scheint. Ein metaphorisches Bild für diesen Zustand liefert Johnny (Steve Buscemi): Die rote Stratocaster im Arm sitzt er in einer abgelebten Küche, blickt auf einen auf dem Rücken liegenden aufziehbaren Spielzeughund, der sinnlos in die Leere hinein strampelt, und kommentiert: „That’s my favourite part. I love it!“
(Katalogtext, Alejandro Bachmann)

This is not America – Austrian Drifters
Suchbewegungen zwischen Film und Pop (1976–2014)
Sehnsuchtsort Amerika? Ausgehend von jenem Moment, in dem mit der Besetzung der Wiener Arena im Sommer 1976 Pop, Film und politische Haltung in besonderer Weise näher zusammenrückten, untersucht das sechsteilige Programm des Österreichischen Filmmuseums das Ineinander(-Wirken) von Pop und Film: Die Figur des Drifters steht dabei im Zentrum der Überlegung, wie Popkultur in Filmen sichtbar wird, was an Pop grundlegend filmisch sein könnte und wie sich Pop und Film gegenseitig infizieren. Eine sehenswerte Zusammenschau aus Pop, Punk und jeder Menge Pomp – von Dokumentation bis Fiktion, von Experimentalfilm bis Musikvideo, von Österreich bis Amerika.

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