Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Ugly
Spielfilm, AT/UA 2017, Farbe, 90 min., OmeU
Diagonale 2017

Regie: Juri Rechinsky
Buch: Juri Rechinsky, Klaus Pridnig
Darsteller/innen: Angela Gregovic, Dmitriy Bogdan, Maria Hofstätter, Raimund Wallisch, Larisa Rusnak, Vlad Troitskiy, Valeriy Bassel, Vika Filyuk
Kamera: Wolfgang Thaler, Sebastian Thaler
Schnitt: Roland Stöttinger
Ton: Andrii Rogachov, Klaus Kellermann
Musik: Anton Baibakov
Sounddesign: Andrii Rogachov, Borys Peter
Szenenbild: Conrad Moritz Reinhardt
Kostüm: Oksana Melnychuk
Weitere Credits:
Maske: Wiltrud Derschmidt, Sam Dopona
Produzent/innen: Franz Novotny, Alexander Glehr, Maxim Asadchiy, Ulrich Seidl
Produktion: Novotny & Novotny Filmproduktion
Koproduktion: Pronto Film, Ulrich Seidl Filmproduktion

 

In einem fast verlassenen Krankenhaus in der Ukraine versuchen eine junge Frau und ihr Freund, wieder gesund zu werden. Heilung scheint in Ugly jedoch rar und vor allem fern. Auch für ihre an Alzheimer erkrankte Mutter und deren Mann, die in ihrer Liebe noch verwundbarer sind. Was könnte ihre Rettung sein – Glaube? Hoffnung? Liebe?

Niemand predigt in Juri Rechinskys Spielfilmdebut Ugly, und doch mutet dem Film etwas Sakrales an, etwas spirituell Erhabenes. Man will es festmachen, aber woran? An dem jungen Paar, das schon in der ersten Szene im Kampf gegen sich selbst eine schier unantastbare, berührende Einheit bildet? An ihr, die wenig später zerschunden und halb tot – ganz ähnlich wie er – in einem Krankenhaus landet, im nicht lokalisierbaren Irgendwo, eingerahmt von giftgrünen Wänden, die jeder Hoffnung spotten?
Kann man wirklich sagen, was eine Existenz ausmacht – oder bleibt doch nur, der unerklärlichen Sucht zu weichen, die man Überlebenswille nennt?
Rechinsky, der aus der Ukraine stammt und in Wien lebt und arbeitet, hatte in seinem Dokumentarfilm Sickfuckpeople eine Gruppe drogensüchtiger Jugendlicher in Odessa begleitet. Schonungslosigkeit und die Würde wahren sind auch in Ugly zwei Pole, zwischen denen er gekonnt changiert. Das Pärchen wird in Rückblenden mit einem älteren Paar verbunden, einer Frau, die an Alzheimer leidet, und ihrem Mann, der in seiner Liebe für sie gnadenlos und verwundbar ist.
Rechinsky erzählt anachronistisch, schiebt Handlungsfragmente assoziativ ineinander, lässt dazwischen symbolhafte Bildkompositionen atmen, so lange, bis sich der Film aufschwingt zu einer fast greifbaren Literarizität. Wie über Buchstaben auf einem Papier kann man natürlich nicht über die Wunden streichen, über die Narben und die Schrammen, die die Figuren sich und einander zufügen, um zu spüren. Doch fast kann man das Feuer fühlen, den Wind, das Wasser und den Dreck der Erde. Als könnte man sich jemals vergewissern, dass man trotz allem noch am Leben ist.
(Katalogtext, az)

Nach Sickfuckpeople, dem ukrainischen Kreuzweg, diesem Film, der das aus dem neoliberalen Wirtschaftssystem heraus explodierende ungeheure Leid festhielt und die Wandlung einer entsolidarisierten Gesellschaft ins Wölfische vorführte, konfrontiert uns Rechinsky mit einem weiteren verstörenden und beklemmenden Werk: Sein Feature fährt einem mit dem Arsch ins Gesicht. (…) Mag sein, dass einer im Kino sitzt, an dem die vom Laufbild ausgelöste Betroffenheit nicht wie an Teflon abperlt, einer oder eine, die ihren Schauder überwinden und mit vielen anderen an Lösungen arbeiten werden, die sich nicht in Wut, Mitleid oder Ratlosigkeit erschöpfen. Ugly ist einer der Funken, die die erloschene Flamme der Humanität entzünden helfen. Oder auch nicht. (Diesen Film) kann man nur lieben oder hassen, dazwischen gibt’s nichts. „To the happy few“, wie bei Stendhal.
(Franz Novotny)

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