Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Malaria
Spielfilm, AT 1982, Farbe, 82 min.
Diagonale 2017

Regie, Buch, Schnitt: Niki List
Darsteller/innen: Sabine Platzer, Andreas Vitásek, Geli Brechelmacher, Hermann Strobel, Susanne Winterstein, Evelyne Karner
Kamera: Peter Schreiner, Niki List
Ton: Roli Krauss
Produzent/innen: Niki List

 

Das surreal verschobene Zeitbild eines jungen Wien Anfang der 1980er-Jahre: Poppig, grell und Codes zitierend prokrastiniert man durch den Abend, will etwas aufreißen, etwas aufstellen oder sich ausstellen. Niki Lists Malaria ist Kult und kinematografische Pop-Art. Im titelgebenden Café findet eine Schar junger Popper zusammen – allen voran der junge Andreas Vitásek –, um sich, ihre Lässigkeit und das schöne Leben in knalliger Überdrehtheit zu feiern. Ungefähr zur selben Zeit singt Wolfgang Ambros in der legendären Eden Bar vom Pärchenstreit, der allmorgendlich unter dem Pop-Art-Gemälde am Frühstückstisch ausbricht.

Die symmetrisch kadrierte Totale eines Wiener Hauseingangs: Komposition in Schwarz und Grau. Tristesse. Von rechts tritt eine Frau ins Bild – Tusnelda, rote Haare, 70er-Jahre-Brille, Mantel im Leo-Look. Sie öffnet die Läden, dann die Tür selbst und tritt ein. Die zu einem Wort geformte Neonröhre darüber springt an, durchdringt alles mit einem leichten roten Schimmer, stellt etwas Wärmeres, auch Grelleres, fast schon Penetrantes ins Zentrum dieser Steinwüste: Café Malaria. Niki Lists Malaria erzählt von diesem Ort, an dem erst mal auch nichts anderes passiert als in jedem anderen Beisl: Menschen kommen und gehen, trinken etwas, reden über sich und andere, die Stammgäste sind bekannt, ihr Getränk ebenfalls. Nur tragen die Menschen hier knallige Sakkos mit Schulterpolstern, weite Wollpullover, Sonnenbrillen und toupierte Haare, trinken kein Bier, sondern grell zischende Cocktails („Schizo“, „Grüner Koitus“), die aus chemischen Pülverchen in Reagenzgläsern hergestellt werden, und warten zudem auf den Dealer, der alles vertickt, was das Herz begehrt. Das traditionelle Wiener Beisl, befallen vom Pop-Virus – alles cool, alles grell, alles hip und modern.
Es ist die Klischeehaftigkeit einer vom Pop durchdrungenen Welt, die hier spürbar wird: Politisierte Langhaarige treffen auf Punks, elitäre Filmkenner und einen Möchtegern-Cowboy, ein hippes Föhnfrisurpärchen streitet die ganze Nacht, und die zwei feschen Mädels an der Bar „are waiting for the man“. List findet für dieses Gefühl, diesen Zustand, dieses Kulturbewusstsein eine expressiv überbordende und grandios verspielte Ästhetik, die sich von der Mise en scène über die Kostüme bis in das Schauspiel zieht. Fast jedes Bild wird hier zu einer Ikone oder referiert auf eine solche: hochhackige rote Lederschuhe, das Abstreifen einer Sonnenbrille, der nonchalante Augen­aufschlag beim Annäherungsversuch – alles schon mal da gewesen, alles Zeichen, die aufeinander verweisen. Konsequenterweise wirken manche Großaufnahmen der zahlreichen Protagonist/innen wie die Prints Andy Warhols, immer wieder schummelt sich ein Magritte’scher Hut ins Bild, kommentieren die Figuren den Film, in dem sie spielen, legen die Inspiration für ihre coolen Gesten offen („Das ist aus ’nem Godard-Film, weißt eh?!“) und setzen ihr Warten auf den Stoff in Form von Kloschmierereien mit Becketts „Godot“ ins Verhältnis.
Niki List versammelt in seinem Film Szenegrößen, lässt den Soundtrack von Popbands wie Minisex, Viele bunte Autos oder Rosachrom beisteuern und entwirft mit Malaria nicht nur das surreal verschobene Bild einer Wiener Jugendkultur Anfang der 1980er-Jahre, sondern eine Utopie: Inmitten einer grau-in-grauen Welt ist Malaria ein Zeichenkatalysator, in dem jede/r alles sein kann, ohne dass es wirklich eine Rolle spielen würde. Vielleicht ist es diese Freiheit, die am Ende des Films in der wohl virilsten, echtesten und mitreißendsten Tanzszene der österreichischen Filmgeschichte wie ein Deus ex machina alle Konflikte verpuffen lässt, um im feiernden Exzess die Nacht in Wien zu beenden. Davor singt Wolfgang Ambros in der Wiener Eden Bar vom Pärchenstreit, der allmorgendlich unter dem Pop-Art-Gemälde am Frühstückstisch ausbricht, und schlendert über den frühmorgendlichen Naschmarkt: „Eins, zwå, drei – zwå, zwå, drei.“
(Katalogtext, Alejandro Bachmann)

This is not America – Austrian Drifters
Suchbewegungen zwischen Film und Pop (1976–2014)
Sehnsuchtsort Amerika? Ausgehend von jenem Moment, in dem mit der Besetzung der Wiener Arena im Sommer 1976 Pop, Film und politische Haltung in besonderer Weise näher zusammenrückten, untersucht das sechsteilige Programm des Österreichischen Filmmuseums das Ineinander(-Wirken) von Pop und Film: Die Figur des Drifters steht dabei im Zentrum der Überlegung, wie Popkultur in Filmen sichtbar wird, was an Pop grundlegend filmisch sein könnte und wie sich Pop und Film gegenseitig infizieren. Eine sehenswerte Zusammenschau aus Pop, Punk und jeder Menge Pomp – von Dokumentation bis Fiktion, von Experimentalfilm bis Musikvideo, von Österreich bis Amerika.

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