Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Die Nacht der 1000 Stunden
Spielfilm, LU/AT/NL 2016, Farbe, 92 min., OmeU
Diagonale 2017

Regie, Buch: Virgil Widrich
Darsteller/innen: Laurence Rupp, Amira Casar, Barbara Petritsch, Elisabeth Rath, Linde Prelog, Johann Adam Oest, Lukas Miko, Luc Feit, Josiane Peiffer, Claire Johnston, Udo Samel, Brigitte Urhausen, Pierre Bodry, Al Ginter, Gilles Soeder, Frederic Frenay, Jean-Paul Raths
Kamera: Christian Berger
Schnitt: Pia Dumont
Ton: Carlo Thoss
Musik: Siegfried Friedrich
Sounddesign: Nicolas Tran Trong
Szenenbild: Christina Schaffer
Kostüm: Alette Kraan
Weitere Credits:
Tonmischung: Michel Schillings
Produzent/innen: Bady Minck, Alexander Dumreicher-Ivanceanu, Hans de Wolf, Hanneke Nien, Arash T. Riahi, Raphael Barth
Produktion: AMOUR FOU Luxembourg
Koproduktion: AMOUR FOU Vienna, KeyFilm (NL), Golden Girls Filmproduktion

 

Eine Wiener Unternehmerfamilie findet sich zusammen, um den rechtsradikalen Neffen zu enterben und den jüngeren Sohn mit den Geschäften zu betrauen. Als Erika, die Mutter des Neonazis, unterschreiben soll, kippt sie tot um. Jedoch lässt Regisseur Virgil Widrich kurzerhand nicht nur Erika von den Toten wiederauferstehen. Auch die restliche Verwandtschaft kehrt aus ihren Gräbern zurück. Ein Haus als geisterhaftes Geschichtsmodell, in dem es zu klären gilt: Ist man unschuldig, solange man nichts weiß?

Noch bevor in Virgil Widrichs Die Nacht der 1000 Stunden die Vergangenheit ihren Spuk mit der Gegenwart treiben wird, ähnelt das Haus der Unternehmerfamilie Ullich einer Geistervilla: Apparaturen, die längst nicht mehr funktionieren, ein knorriger Ahnenschrank, in dem strenge Blicke von vergilbten Fotos stechen, eine Pendeluhr, deren Zeiger bleischwer am Ziffernblatt kleben.
Die Ullichs kommen hier zusammen, um die Familiengeschäfte an den jungen Philip (Laurence Rupp) weiterzugeben. Auch Tante Erika (Elisabeth Rath) will ihm ihre Anteile überschreiben, denn ihrem eigenen Sohn, einem Neonazi (Lukas Miko), möchte sie nichts vererben. Ausgerechnet im Moment der Unterzeichnung kippt sie aber tot um – nur um kurz darauf mit sämtlichen Familienmitgliedern inklusive Philips geheimnisvoller Großtante Renate (Amira Casar) von den Toten wiederaufzuerstehen. Regisseur Virgil Widrich hält seine Protagonist/innen fortan in diesem Haus gefangen, dazu verdammt, es nicht mehr zu verlassen, bis sich die dunklen Geheimnisse rund um den mysteriösen Hermann lichten. Für diese Spiegelwelt der Vergangenheit entwickelte er ein vollkommen neuartiges Drehverfahren, das Kameramann Christian Berger als Spielwiese dient.
Zeit – als Messinstrument eines Fortschreitens wie auch als Konzept mehrerer Erinnerungsebenen – spielt die elementare Rolle in diesem Film, der in einer besonderen Mischung aus Melodramatik und Surrealismus die Synchronizität von Vergangenheit und Gegenwart prüft. Beständig arbeitet Die Nacht der 1000 Stunden auf diese Weise auf seine zentrale Frage hin, anstatt sie zu lösen, und stellt sie folglich markant an sein Ende: Ist man denn unschuldig, wenn man nichts weiß?
(Katalogtext, az)

In Die Nacht der 1000 Stunden sehen wir einen Helden, für den die Erinnerung an seine Familie tatsächlich lebendig wird. Die Geschichten rund um die eigenen Groß- oder Urgroßeltern, die man in der Regel nur in seinen Gedanken spinnen kann, verwandeln sich in diesem Film in Personen aus Fleisch und Blut. Das hinterfragt natürlich auch, wer man selbst ist. Es hat mich immer schon fasziniert, dass man Filme zwar in einer zeitlichen Abfolge linear betrachtet, dass sie in Wirklichkeit aber als Filmkopien Objekte sind, welche die gesamte erzählte Zeit von Anfang bis Ende beinhalten. Wäre dieser Umstand den Figuren im Film bewusst, hätte das wohl einen großen Einfluss auf ihre Entscheidungen. Es hat mich auch die Möglichkeit einer umgekehrten Zeitreise interessiert. Nicht wir reisen in die Vergangenheit, sondern die Vergangenheit kommt zu uns und baut dann die Gegenwart zur Vergangenheit um.
(Virgil Widrich)

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