Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Sühnhaus
Dokumentarfilm, AT 2016, Farbe, 99 min.
Diagonale 2017

Regie, Buch: Maya McKechneay
Kamera: Martin Putz
Schnitt: Oliver Neumann
Produzent/innen: Oliver Neumann, Sabine Moser
Produktion: FreibeuterFilm

 

Maya McKechneays Essayfilm erzählt die Geschichte einer glücklosen Adresse: Am Wiener Schottenring 7 stand das Ringtheater, in dem Hunderte Menschen verbrannten – dies war nur der erste einer langen Reihe von Unglücksfällen, die sich an diesem Ort schematisch wiederholten. Eine filmische Spurensuche, die, zwischen Gruselfilm und geschichtlicher Aufarbeitung changierend, Ausschau hält nach den Gespenstern, die diesen Ort, die Gesellschaft und ihre Geschichtsschreibung heimsuchen.

Er liegt nicht in einem entfernten Wald oder am Ende einer einsamen Straße, und doch könnte der Ort aus einem Gruselfilm stammen: Die Gespenster gehen um am Schottenring Nr. 7 – handelt es sich um die Seelen der 386 Menschen, die hier 1881 beim Brand des Ringtheaters ums Leben kamen? Oder um die an der benachbarten „Elendbastion“ hingerichteten Revolutionäre? Um Pauline, die sich in das Stiegenhaus warf und eine Patientin Sigmund Freuds war, der in dem nach dem Brand wieder aufgebauten „Sühnhaus“ Quartier bezogen hatte?
Maya McKechneays „dokumentarischer Geisterfilm“ begibt sich auf die Suche nach Spuren in dem palimpsestartigen Gebäude, das heute die Polizeidirektion beherbergt, und stößt dabei weniger auf einen Poltergeist denn auf eine Geisteshaltung: In der sich stets wiederholenden Geschichte des Hauses spiegelt sich die Blutrünstigkeit von sozialer Hierarchie, blindem Gehorsam und der vertuschenden Machtausübung von Geschichtsschreibung wider. Es ist eine Adresse, die vom Sterben der Menschen auf den billigen Rängen erzählt, von Wohnungen ohne einen einzigen Lichtstrahl und vom Dachboden-Penthouse des Polizeipräsidenten. McKechneays Recherchen und Gespräche mit Zeitzeug/innen, Historiker/innen, Archivar/innen und einem Geomanten lassen das Gespenst als agent provocateur erkennen, der das System infrage stellt und dabei als Symptom der Verdrängung zutiefst politisch und unheimlich wird.
Die filmische Geisterjagd lehnt sich auch stilistisch an den Gruselfilm an – eine schwebende Steadicam erzählt mit Fahrten durch beengende Gänge vom Leid erstickender Menschen, die Geräuschkulisse und tanzende Lichter lassen Kratzspuren an längst übertünchten Wänden und Knochen tief unter wieder aufgebauten Mauern erscheinen. In McKechneays Erzählstimme und Händen mit rot lackierten Fingernägeln, die die alten Fotos, Zeitungsausschnitte und Wienkarten verschieben, vergleichen und übereinanderlegen, kristallisiert sich ein weibliches Gegengewicht zur männlichen Perspektive der Geschichtsschreibung heraus, die selbst in der gespenstischen Abwesenheit der Polizisten im Präsidium spürbar ist.
Das Debüt der Filmtheoretikerin entziffert die Geisterschrift eines Gebäudes und der Gesellschaft, die es immer wieder neu aufgebaut hat – ein Blick auf Risse, politische und soziale Inskriptionen, unheimliche Wiederholungen und Wiedergänger, die revenants der Geschichte.
(Katalogtext, cw)

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