Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Seeing Voices
Dokumentarfilm, AT 2016, Farbe, 93 min., OmdU
Diagonale 2017

Regie, Buch: Dariusz Kowalski
Darsteller/innen: mit Emil Hager, Caroline Hager, Barbara Hager, Alexander-Karla Hager, Helene Jarmer, Ayse Kocak, Barbara Schuster
Kamera: Martin Putz
Schnitt: Dieter Pichler
Ton: Atanas Tcholakov, David Almeida Ribeiro, Stefan Rosensprung, Tong Zhang, Klaus Kellermann
Sounddesign: Nils Kirchhoff
Produzent/innen: Oliver Neumann, Sabine Moser
Produktion: FreibeuterFilm

 

Seeing Voices begleitet Mitglieder der Wiener Gehörlosen-Community in ihrem Alltag und fokussiert dabei das Erlernen und den Kampf um Anerkennung und Durchsetzung der eigenen Muttersprache, die im Film als eine über Körper, Blicke und Rhythmus funktionierende Kommunikationsform visuell erfahrbar wird. Mit Feingefühl und Empathie inszeniert Dariusz Kowalski einen Film über den Zusammenhang von Identität und Sprache, das Recht auf Chancengleichheit und die gebührende Wertschätzung der Gebärdensprache.

Obwohl ich taub bin, kann ich sprechen“ – der Leiter eines Workshops für Gehörlose spricht zu den Teilnehmer/innen über ihr Recht, gehört zu werden, und fordert sie dazu auf, für sich und ihr Anrecht auf eine gute Ausbildung einzustehen. Unter den Teilnehmenden findet sich die charismatische Ayse. Den schlagfertigen Teenager treffen wir im Lauf des Films immer wieder – in Gesellschaft ihrer Freundinnen beim Tanzen, im Prater, beim Abhängen und Herumalbern. Dariusz Kowalski begleitet gehörlose Menschen in ihrem Alltag – im Tanzkurs oder im Kindergarten, in einer politischen Diskussionsrunde, bei einer Geburtstagsfeier – und zeigt, wie sie sich zwischen der hörenden und der gehörlosen Welt bewegen und wie sie, trotz ihres Handicaps, mit den Herausforderungen und Freuden des Lebens umgehen.
Der Film nähert sich behutsam den Themen und Strukturen der Gehörlosen-Community und erzählt von einem Kampf um Chancengleichheit und die Anerkennung der Gebärdensprache als vollwertige Muttersprache. Dabei ist die Position des Regisseurs nicht unwesentlich: Als hörender Filmemacher führt Kowalski den Zuschauer/innen vor Augen, mit welcher Überforderung Menschen konfrontiert sein können, wenn sie an einem Gespräch teilhaben, dessen Sprache sie nicht verstehen – oder hören – können. Denn trotz Untertitelung ist es manchmal schwer, zwischen den schnellen Bewegungen und den Übersetzungen hin und her zu schalten. Der Film lässt teilhaben an einer Welt, die einem zunächst unzugänglich scheint und in die man sich – dank genauer Beobachtung und Konzentration – Szene für Szene besser einfindet. Dabei sorgt der Einsatz von vorwiegend halbnahen Einstellungen dafür, dass der Fokus auf Gestik und Mimik der gebärdenden Menschen gelegt und eine emotionalisierende Lenkung des Kamerablicks vermieden wird. Die Inszenierung von (vermeintlicher) Stille betont auf sinnlich nachvollziehbare Weise die Ausdrucksfähigkeit der Gebärdensprache, die sich über Körper, Blicke und Rhythmus mitteilt.
Ein eindrücklicher Film über die Relation von Identität und Sprache sowie über Zusammenhalt und das gemeinsame Lernen – Lernen, den anderen zu verstehen, egal in welcher Sprache. Kowalskis Protagonist/innen sind keineswegs stumm – sie teilen bewegende Momente mit uns, ihre Meinungen und Erfahrungen, und durch den Film zieht sich beständig ein lautes Lachen.
(Katalogtext, cw)

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