Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Die Welt dreht sich verkehrt
AT 1947, Schwarzweiß, 89 min.
Diagonale 2016

Regie: Johannes Alexander Hübler-Kahla
Buch: Kurt Nachmann, Johannes Alexander Hübler-Kahla
Darsteller/innen: Hans Moser, Josef Meinrad, Alfred Gerasch, Marianne Schönauer, Karl Skraup u. a.
Kamera: Anton Pucher
Musik: Willy Schmidt-Gentner
Produktion: Österreichische Wochenschau- und Filmproduktion
Koproduktion: J. A. Hübler-Kahla & Co. Filmproduktion

 

Ein kinematografisches Geschichtslabor, ein launisch-heiterer Spaziergang durch vergangene Epochen, der viel über das offiziöse Selbstverständnis Österreichs in der unmittelbaren Nachkriegszeit verrät. Die Geschichtsverklärung erfährt ihre programmatische Zuspitzung in der Hauptfigur Franz Xaver Pomeisl (natürlich Hans Moser!), der melancholische Reisen zurück in (vermeintlich) bessere Zeiten unternimmt.

Franz Xaver Pomeisl, ein alternder Wiener Angestellter, trauert bei einer Silvesterfeier der „guten alten Zeit“ nach und versetzt sich beim Trinken in eine traumwandlerische Stimmung. Mithilfe eines Zauberrings meint er plötzlich verschiedene Epochen der Vergangenheit – Wien im Jahr 1815 zur Zeit des Wiener Kongresses, unter der Türkenherrschaft 1683, schließlich gar als Vindobona zur Römerzeit, 173 n. Chr. – bereisen zu können, doch die Erinnerung an paradiesische Friedensidyllen entlarvt sich als trügerisch.
(Arno Russegger)

Die Welt dreht sich verkehrt ist eine österreichische Verfremdung. In einer absolut künstlichen Studiowelt wird die Geschichte des Landes zur eskapistischen Traumkulisse zurechtgefilmt, zu einer schillernden Projektionsfläche für Fluchten aus der bitteren Wirklichkeit. Die Geschichtsverklärung erfährt ihre programmatische Zuspitzung in der Hauptfigur Franz Xaver Pomeisl (natürlich Hans Moser!), der melancholische Reisen zurück in (vermeintlich) bessere Zeiten unternimmt. Pomeisls Grundhaltung ist der Weltschmerz, nach ein paar Vierteln Wein scheinen ihm selbst vergangene Kriege noch besser als das bombenzerstörte Wien des Jahres 1946. Doch die Erinnerung ist trügerisch, Hans Mosers tour d’horizon durch Epochen österreichischer Zeitgeschichte geht mit zahlreichen Rollenwechseln und Identitätsverlusten einher. Bereits in der ersten Episode (Wiener Kongress) wird er als kleiner Beamter mit einem Fürsten verwechselt und changiert in dieser Doppelrolle zwischen Herrschaft und Untertan. Die Welt dreht sich verkehrt ist aufgeladen mit solchen Geschichtstravestien und ironischen Brechungen des Gewesenen, augenzwinkernd wird behauptet: Geschichte ist das, was vielleicht so gar nicht war – und möglicherweise war alles nur ein böser Traum.
(Ernst Kieninger)