Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Korida
Dokumentarfilm, AT 2016, Farbe, 87 min., OmdU
Diagonale 2016

Regie: Siniša Vidović
Buch: Senad Halilbašić, Siniša Vidović
Kamera: Lukas Kronsteiner
Schnitt: Cordula Werner
Ton: Atanas Tcholakov, Hjalti Bager-Jonathansson
Musik: Karwan Marouf
Sounddesign: Atanas Tcholakov
Produzent/innen: Arash T. Riahi, Karin C. Berger
Produktion: Golden Girls Filmproduktion & Filmservices GmbH

 

Die Korida ist ein traditioneller bosnischer Stierkampf, der zwischen den Tieren ausgetragen wird. Siniša Vidović spürt dem Phänomen nach, das den Menschen in Bosnien-Herzegowina mehr Frieden gebracht haben soll als die Europäische Union: ein rituelles Fest, das die verschiedenen Bevölkerungsgruppen der krisengeprägten Nachkriegsgesellschaft zusammenkommen lässt, wenn die verehrten Stiere als Stellvertreter gegeneinander kämpfen.

Ein waffenloser Kampf, der keine Toten einfordert – im Gegensatz zum Bosnienkrieg, der die Protagonist/innen dieses Dokumentarfilms geprägt hat.
Der in Kroatien geborene und in Österreich lebende Regisseur Siniša Vidović sucht zwanzig Jahre nach Kriegsende seine frühere Heimat auf, um dem Korida-Phänomen und jenen Menschen nachzuspüren, in deren Leben diese Tradition eine zentrale Rolle spielt: etwa Stipe, einem aus Österreich zurückgekehrten alten Stierzüchter. Seinem Sohn Marco, der in Traiskirchen lebt und seinen Vater regelmäßig mit dessen Enkelsöhnen besucht, um ihnen bosnische Bräuche und Geschichte zu vermitteln. Majuga, der sich neben seiner Bullenzucht als Kindergärtner und Karatelehrer für die jüngste Generation engagiert. Oder Renata, der großherzigen, gefeierten „Königin der Koridas“.
„Three nations, two bulls, one fight.“ Koridas, die mehrmals jährlich Tausende Menschen aus den „unteren“ Gesellschaftsschichten auf Ackergeländen versammeln, haben vor allem sozialpolitische Relevanz: Das druzenje, das freundschaftliche Zusammenkommen verschiedener Bevölkerungsgruppen, steht hier im Vordergrund – es wird gemeinsam getrunken, gegessen, gefeiert und gewettet. In der Leidenschaft für die Stierkämpfe scheinen alle „ethnischen“ Differenzen aufgelöst, die Tradition der Korida vereint Serb/innen, Kroat/innen und Muslim/ innen der krisengeprägten Nachkriegsgesellschaft Bosnien-Herzegowinas. Das rituelle Ereignis habe den Menschen mehr Frieden gebracht als die Europäische Union, heißt es. Als eine bedeutende Korida wegen eines Massengrabs aus dem Zweiten Weltkrieg, das sich unter der „Arena“ befinden soll, zum Politikum wird, scheint nicht nur die Tradition, sondern auch die friedliche Koexistenz in Gefahr.
Lukas Kronsteiners Kamera, die sich unsichtbar und in intimer Nähe zu den Protagonist/innen bewegt, und Cordula Werners Montage verleihen dem Film Intensität und sakrale Poesie. Nicht zuletzt durch Lichtstimmungen und Zeitlupen ästhetisch überhöht offenbart sich der Stierkampf als feierlicher Moment, in dem archaische Kräfte aufeinanderprallen. Die Bullen ziehen als Stellvertreter in den Krieg – sie sind die verehrten Helden und Friedensbringer, ihnen werden Denkmäler gesetzt.
(Katalogtext, mk)

korida-film.com, goldengirls.at

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