Diagonale
Festival des österreichischen Films
24.–29. März 2020, Graz

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Die papierene Brücke
Dokumentarfilm, AT 1987, Farbe, 95 min., OmeU
Diagonale 2016

Regie, Buch: Ruth Beckermann
Darsteller/innen: Betty Beckermann, Salo Beckermann, Herbert Gropper, Robert Schindel, Willi Stern, Rabbi Wassermann, u.v.a.
Kamera: Nurith Aviv
Schnitt: Gertraud Luschützky
Originalton: Josef Aichholzer, Reinhold Kaiser, Heinz Ebner
Produzent/innen: Ruth Beckermann
Produktion: Filmladen

 

Mitte der 1980er-Jahre bricht Ruth Beckermann auf, um reisend Spuren jüdischen Lebens nachzugehen. Dabei begegnen ihr verschiedene Konzepte, was das war, ist, und sein könnte: Rumänien, Czernowitz, Israel, das Theresienstadt-Set einer Filmproduktion in Jugoslawien. Bei der Rückkehr nach Wien zeigt der Antisemitismus seine widerliche Fratze in den Straßen. Hier dennoch leben zu können, bedeutet zu wissen, wer man hätte sein können.

„Es ist ein seltsames Gefühl, wenn die Ereignisse, die dein Leben mitbestimmen, Geschichte werden. Wenn du zum Objekt der Wissenschaft wirst. Unlängst las ich, man werde sich erst dann wissenschaftlich mit dem Schicksal der Juden befassen können, wenn keiner mehr lebt aus der Generation der Überlebenden. Oft dreht sich mir der Kopf. In diesem Winter bin ich weggefahren“, heißt es zu Beginn von Ruth Beckermanns Die papierene Brücke. Die Filmemacherin begibt sich auf eine Reise, auf die Suche nach der Generation der Überlebenden; durch Rumänien und nach Czernowitz, wo ihr in Wien lebender Vater herkam, nach Israel und zum Theresienstadt-Set eines Fernsehdrehs in Jugoslawien. Schließlich zurück nach Wien, wo Kurt Waldheims Sympathisant/innen ihre widerlichste Fratze zeigen.
Immer wieder im Film – im Verlauf der Reise – eine Kamerafahrt von rechts nach links. Gegen die Leserichtung, entlang der Gegenwart, die etwas über die Vergangenheit erzählen kann. Wir sehen Rabbi Wassermann beim Schächten von Hähnen, Frau Rosenheck, die zwei Schülerinnen Hebräisch beibringt, und hören die Geschichte eines jüdischen Zahntechnikers und Kartenspielers, der sich 1937 das Leben nahm, weswegen sein Grabstein nun am Rande des Friedhofs stehen muss. Immer weiter verschachteln sich die Erfahrungen und Geschichten, die Wege jüdischer Kultur, die möglichen Konzepte von Identität innerhalb des Judentums. Auf der Tonspur begleiten präzise, sensible Reflexionen der Erzählerin den Film: über das Erlebte, Gesehene, die Eindrücke, die all dies hinterlässt. Die Kamera übersetzt unvoreingenommen und interessiert, mit einem gewaltigen Gespür für Kadrage und Atmosphäre, den fragenden Blick der Filmemacherin.
Beckermanns Suchen ist ein Sichtreibenlassen, Sicheinlassen auf die Bruchstücke der eigenen Identität, ein Flanieren, das Erkenntnisse bringt, die die Frage „Wer bin ich“ nicht klarer, sondern komplexer und damit auch schillernder machen. Geschichte schreiben heißt hier Gegenwart auffinden und aufzeichnen, weil sich in ihr Linien abbilden und Spuren eingraben. Diese sind so vielseitig und widersprüchlich, dass sich immer wieder die Frage stellt, ob überhaupt so etwas Allgemeines gesagt werden kann – über „die Juden und Jüdinnen“ oder „die Geschichte der Juden und Jüdinnen“. Bis man am Ende nach Wien zurückkehrt und bei Debatten im öffentlichen Raum vor Augen geführt bekommt, dass das Andere immer als einfaches Feindbild konstruiert wird, um das vermeintlich Eigene zu konstituieren.
Spätestens hier wird klar, dass die Suche nach jüdischem Leben woanders keine Flucht aus einem Wien war, dem sich zu entziehen im Film durchaus plausibel erscheint. Eher verbleibt das Gefühl, die Erzählerin sei gewachsen und zurückgekehrt. Nicht weil sie weiß, wer sie ist, sondern weil sie weiß, wie schwer es ist, überhaupt jemand zu sein. Am Ende, das erste Mal: eine Kamerafahrt von links nach rechts. (Alejandro Bachmann)