Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Von jetzt an kein Zurück
Spielfilm, DE/AT 2014, Farbe, 109 min., OmeU
Diagonale 2015

Regie, Buch: Christian Frosch
Darsteller/innen: Victoria Schulz, Anton Spieker, Erni Mangold, Marko Peros, Ursula Ofner, Ben Becker, Thorsten Merten, Markus Hering
Kamera: Frank Amann
Schnitt: Karin Hammer
Ton: Torsten Lenk, Heinz K. Ebner
Musik: Andreas Ockert
Sounddesign: Linus Nickl
Szenenbild: Lena Mundt, Kay Kulke
Kostüm: Stefanie Jauss
Produzent/innen: Jost Hering, Viktoria Salcher, Mathias Forberg
Produktion: Jost Hering Filme
Koproduktion: Prisma Film- und Fernsehproduktion GmbH

 

BRD, 1968. Ruby und Martin sind jung und proben den Aufstand. Der Preis, den sie dafür bezahlen, ist hoch: Schulverweis, elterliche Gewalt und schließlich Heimeinweisung. Doch sie sind bereit, den Kampf für ihre Liebe aufzunehmen. (Produktionsmitteilung)
www.josthering.de, www.filmladen.at

Katalogtext Diagonale 2015:
Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? Wir! (Freddy Quinn, 1966)

BRD 1968. Lange Haare, Beatmusik, Rimbaud-Verehrung. Bigotterie, postnazistischer Mief, Wiederaufbaumoral. Am Anfang steht der Clash zweier Generationen. Während die Jugend mehr und mehr aufbegehrt, propagieren die Eltern Kompromiss und Stillschweigen. „Intelligenz ist die Fähigkeit, sich einer Situation anzupassen“, lautet die ausgegebene Devise. Nicht aber für Martin und Rosemarie, die eigentlich Ruby genannt werden will (trotz grundsätzlicher Stones-Antipathie). Wenige Jahre später wird Rio Reiser „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ singen – und damit den weiteren Werdegang Martins vorwegnehmen. Noch reicht den Verliebten aber der gewaltlose Ausbruch nach Berlin – dahin, wo (ihre) Liebe möglich ist. Doch es kommt anders: Die Flucht scheitert, und die beiden Verliebten werden der (heute berüchtigten) bundesrepublikanischen Jugendwohlfahrt übergeben.

Im System der Heimerzieher/innen zählt der junge Mensch wenig. Bezeichnenderweise wird Ruby bei den „Barmherzigen Schwestern“ zur Nummer, „du kommst an und bist das Letzte“, notiert Martin im Erziehungsheim Freistatt. Wo das Schwarz-Weiß-Bild bisher einer nostalgischen Geste verpflichtet schien, erfährt es fortan psychologische Aufladung. Konsequent rückt der pop-affine Coming-of-Age-Konflikt in den Hintergrund – und mit ihm der Beat-Soundtrack, der von gottesfürchtigen Chören abgelöst wird.

Im Kontext von Missbrauch, Schikane und rigoros exekutierter Hierarchie verhandelt Von jetzt an kein Zurück das Weiterleben faschistoid-repressiver Strukturen in der Gesellschaft der Nachkriegszeit und dessen strikte Tabuisierung, die bis in die 2000er-Jahre fortdauerte. Getragen von einem eindrucksvollen Ensemble nutzt Christian Froschs Film das unschuldige Beispiel zweier Liebender, um von der nachhaltigen und systemischen Traumatisierung tausender Heimjugendlicher unter dem Deckmantel hehrer Volkserziehung zu erzählen. Und von den Konsequenzen für deren Weiterleben oder Nicht-mehr-weiterleben-Können. (sh)

Erst als ich auf eine Geschichte eines jugendlichen Paares stieß, das kein anderes Vergehen beging, als sich zu lieben und noch nicht volljährig zu sein, war bei mir der Groschen gefallen: Ich wollte einen Film über Liebende drehen. Über jene erste große Liebe, die antritt, die Welt aus den Angeln zu heben. (Christian Frosch)

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